Sonntag, 8. März 2015

Wanderlust und Gegenwartsenthusiasmus

Vor kurzem der Umzug, ein Einschnitt, ein Abschied, ein Neubeginn. In solche Situationen bin ich präsent. Die Organisation muss stimmen, Abläufe müssen klappen, das Wer?, Was?, Wann? und Wo? ist wichtig und Gedankenräumen für ein sich Wegträumen bleiben nicht. Klingt freudlos und düster? Nein, gar nicht mal. Präsent bin ich zu selten, glaube ich. In meinem eigenen Kopf gefällt es mir herrlich gut: seine Räume sind grenzenlos, wie es oft scheint. Was alles war und einmal sein könnte, beschäftigt ihn hauptsächlich. Was gerade ist hingegen – … das ist oft ein blinder Fleck.


Ein Exkurs: der Umzug. Alles mögliche tauchte dabei auf. Ein alter Stadtplan von London zum Beispiel, der auf halbem Weg zur Papiertonne doch noch umkehren durfte. Ich wollte ihn aufhängen. Aufgefaltet hielt ich ihn mir vor den Oberkörper wie einen Schild und wanderte von Wand zu Wand, um auszuprobieren, wohin er am besten passen könnte. Irgendwann stand ich einfach nur noch da und betrachtete den Plan – was ich vorgehabt hatte, war in dem Moment vergessen: Namen von Straßen und Stadtteilen, Wahrzeichen und Orientierungspunkte auf der Karte ließen in meinem Kopf unzählige Türen aufgehen und ich wollte durch alle gleichzeitig rennen, um die Erinnerungen an viele Jahre zurückliegende Aufenthalte in London erneut zu besuchen. Dazu mischten sich eine Spur Wehmut und Fernweh und Wanderlust und weil wir gerade dabei sind, Weltschmerz und ach, so schnell hat man ein schweres Herz, während man sich in seinem eigenen Kopf eingekerkert hat.


Das lässt mich mich an das „Pensieve“ aus Harry Potter denken – die Steinschale, in der Erinnerungen nochmals durchlebt werden können, indem man buchstäblich in das Gefäß und einen ausgewählten, vergangenen Gedanken eintaucht. In den Tiefen der Steinschale und der eigenen Erinnerungen wird etwas, das nicht Gegenwart ist, zur gegenwärtigen, scheinbaren Realität. Sobald ich durch besagte Türen in meinem Kopf gegangen bin, schließen sie sich und lassen mein Bewusstsein für die Gegenwart und meine Achtsamkeit für das Jetzt draußen stehen. Der Gegenwart und dem Jetzt ist das egal – sie gehen einfach ohne mich weiter und wenn ich irgendwann aus den Türen in meinem Kopf wieder herauskomme, sind Gegenwart und Jetzt nicht mehr da.
Ich bin gerne in meinem Kopf und dankbar für die vielen Türen, die ich in ihm finden kann, aber ich möchte auch nicht verpassen, was vor ihnen, draußen, passiert. Zumindest möchte ich die Möglichkeit der Entscheidung, ob ich teilnehmen will oder nicht. Voraussetzung dafür ist jedoch, präsent zu sein.
Durch Gedankentüren gehen und Erinnerungsräume streifen, ist eine herrliche Art (art – Kunst! Merkste?), Wanderlust auszuleben. Aber die Freunde Gegenwart und Jetzt sollte man dabei nicht vorbeiziehen lassen. Den Stadtplan habe ich daher wieder von der Wand genommen. Ein Detail musste ich ergänzen:


Die obige Harry-Potter-Referenz fühlte sich einsam. Daher schließe ich mit einer weiteren – …

„It does not do to dwell on dreams and forget to live.“ (Dumbledore)

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