Sonntag, 19. April 2015

»Das Inkognito eines Phantoms«



Bald wohne ich zwei Monate in Berlin. Und während die Stadt alles andere als glatt ist, habe ich dennoch manchmal das Gefühl, auf ihrer eigentlich sehr rauen Oberfläche keinen Halt zu finden und nicht richtig zu ihr dringen und ankommen zu können. Gleichzeitig frage ich mich, ob München mich schon losgelassen hat oder jemals loslassen wird und ob Berlin mich erst dann wirklich aufnehmen kann.
Ich glaube nämlich, ein Heimatgefühl kann sich nur einstellen, wenn man sich auf- und angenommen fühlt. Nicht nur von Menschen, sondern ganz besonders von dem Ort, den man seine Heimat nennen möchte.
In Amerika Tag und Nacht, Reisetagebuch 1947 schreibt Simone de Beauvoir, die von Paris nach New York gegangen ist:


»Ich bin nicht mehr in Paris, aber hier [in New York] bin ich auch nicht: meine Gegenwart ist eine geborgte Gegenwart. Auf diesen Gehsteigen ist kein Platz für mich, diese fremde Welt, in die ich überraschend gefallen bin, erwartet mich nicht, sie war voll ohne mich – sie ist ohne mich voll, es ist eine Welt, in der ich nicht bin: in meiner vollkommenen Abwesenheit begreife ich es. Diese Menschenmenge, die ich streife, ich gehöre ihr nicht an; ich fühle mich allen Blicken unsichtbar. Ich habe das Inkognito eines Phantoms.«


In gleicher Weise ist Berlin voll und war es ohne mich schon. Auch Platz gibt es keinen, aber er wird für Neuankömmlinge gemacht. Die Blicke, für die auch ich unsichtbar bin, sind mir nicht wichtig. Unsichtbar zu sein bedeutet auch, nicht als Fremdkörper aufzufallen; dennoch: Für die Stadt selbst möchte ich kein Phantom sein – für sie möchte ich sichtbar sein, nur dann kann sie mich auch auf- und annehmen.
Manchmal habe ich einen besonderen Moment mit der Stadt – wenn ich früh morgens unterwegs bin, an einem Sonntag zum Beispiel, und die Straßen noch leer sind und die Stadt sich vorbereitet auf die Menschen, die Leben und Geschichten, von denen sie wenige Stunden später geflutet werden wird – dann ist sie blank und sieht mich unverstellt an. Dann bin ich kein Phantom mehr, denn sie erkennt mich und sagt „Ich hab’ dich bemerkt. Ich weiß, dass du da bist.“

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