Freitag, 22. Mai 2015

Oslo

„Oslo ist eine der teuersten Städte der Welt“, haben alle gesagt. Das stimmt, aber wir wollten trotzdem hin. „Fliegt doch nach Spanien, da ist alles viel günstiger und die Temperaturen sommerlich.“ Ja, das ist ja das Problem. Den Norden mag ich lieber.


—» Freitag, der 08. Mai 2015 «—

An einem Freitagabend haben wir das schwül-warme Berlin verlassen und ein Maiwochenende den norwegischen Frühling besucht. Der war „schlottrig“, aber dadurch umso belebender. Nach Oslo gebracht hat uns die Norwegian. Sie fliegt von Schönefeld.


Während Tegel mich manchmal an einen Busbahnhof erinnert, fühlt Schönefeld sich an wie eine etwas größere Garage. Sie beherbergt zwar Check-In-Schalter, Duty-Free-Shops und Gepäckbänder, könnte am nächsten Tage aber problemlos ein Baumarkt oder Logistikzentrum sein, weil dafür nur ein paar provisorisch wirkende Requisiten zusammengeklappt, weggeräumt, abtransportiert werden und einem neuen Bühnenbild Platz machen müssten. Ein kurzer Umbau und niemand kann sich mehr vorstellen, dass hier einmal ein internationaler Flughafen war. Dass BER ein internationaler Flughafen werden soll, ist auch schwer vorstellbar: Als wir auf dem Weg zur Startbahn an dem neuen und schon verwaisten Flughafenkomplex vorbeirollten, wirkte die Fassade, als sei auch sie nur die Front einer Filmkulisse, hinter der sich nichts verbirgt. Ein bisschen gespenstisch. Nicht mehr so in der Luft, als man in den Sonnenuntergang gucken und Berlin unter sich schrumpfen sehen konnte.




Bei Nacht kann man sich in allen Städten fürchten, oder? Ich will zumindest gerne glauben, dass der Grund für unser Unwohlsein, als wir vom Hauptbahnhof zu unserer Unterkunft liefen, die Dunkelheit und das Unbekannte waren und nicht die Gestalten in den Straßen, vor den Lokalen und Bars. In der U-Bahn war es zunächst nicht freundlicher, aber sie vermittelte uns zumindest das Gefühl, sicherer und zielstrebiger unterwegs zu sein.

—» Samstag, der 09. Mai 2015 «—

Vor allem freundlich wirkte die Stadt aber am nächsten Morgen. Der Samstag beginnt in Oslo eher langsam und ruhig, das war der erste Eindruck. Später am Tag stellte sich jedoch heraus, dass alles in Oslo eher langsam und ruhig verläuft und nicht die Langschläfer für die leeren Straßen verantwortlich waren. Es gibt wenige Autos, kaum Verkehr, keine Menschenhorden. Oslo ist unaufgeregt.





Ich weiß nicht, ob das mehreren Leuten so geht, aber wenn ich in einer Stadt bin, die am Meer liegt, muss ich immer zuerst einmal ans Wasser. Gucken, ob es wirklich da ist. Vielleicht ist das so ein „an den Bergen und weit weg vom Meer groß geworden“-Ding. Wir sind jedenfalls zuerst Richtung Wasser und zur Oper gelaufen.




Weil Meer, mehr Meer und überall Schiffe und wunderbarer Sonnenschein, sind wir an Bord eines Segelschiffs und haben eine Touri-Tour entlang der Fjorde unternommen. Dass Dinge (Kaugummi, Wasser in Flaschen und auch Bootstouren) in Oslo tatsächlich gar nicht mal so günstig sind, bestätigte der Preis der kleinen Hochseeunternehmung. Aber gelohnt hat es sich. Auch schmeckten danach, eingekuschelt in ein Café am Hafen, Kaffee und Blaubeermuffin noch besser, weil uns die frühlingshafte Brise an Deck tiefgekühlt hatte.



—» Sonntag, der 10. Mai 2015 «—

When in Oslo … dann führt kein Weg am Munch-Museum vorbei. Noch dazu, weil wir nur einen Steinwurf davon entfernt wohnten. Eine Spiegelreflex, das iPhone und eine dm-Einwegkamera schleppte ich allerdings umsonst mit in die Ausstellung, denn Fotografieren durfte man nicht. Einziges fotografisches Beweismaterial für unseren Besuch ist daher der Cappuccino aus dem Museumscafé.



Die Wege sind kurz in Oslo. Das ist erfrischend und erleichternd anders als in Städten wie Paris oder London. Vom touristischen Brennpunkt des Munch-Museums war daher auch das königlische Schloss nur einen kleinen Spaziergang entfernt und bis wir dort ankamen, meinte es sogar die Sonne wieder sehr gut mit uns.



Bis auf die Strecken, die wir mit Koffer von und zum Hauptbahnhof/Flughafen zurücklegten, gingen wir alles zu Fuß … nicht nur, weil in Oslo auch U-Bahnfahren *überraschenderweise* extrem teuer ist.
Doch auf jedem Weg, den man überirdisch bewältigt, kann man etwas entdecken: Und als wir zurück zu unserer Wohnung unterwegs waren, kamen wir daher noch an der Akershus-Festung vorbei. Für einen sonnig-milden Sonntag war auf den Grünflächen der Anlage idyllisch wenig (bis nichts) los. „Stell dir das in Berlin vor: Eine frisch gemähte, saubere, ruhig gelegene Wiese, auf der man sonntags picknicken kann, ohne mit Straßenmusik behelligt zu werden, eine Frisbee in die Fresse oder Dope angeboten zu bekommen… Ja, ne. Gibt‘s nich.“



Last but not least verdient auch unser Airbnb-Apartment noch eine Erwähnung: Die Ästhetik war tumblr-esque, minimalistisch; die Atmosphäre sehr persönlich und das Musikinstrumente-Konglomerat für uns musikalische Analphabeten Ehrfurcht erweckend. Auch nach der zweiten Airbnb-Erfahrung komme ich mir noch immer vor wie ein Eindringling und Voyeur, wenn ich eine fremde Wohnung betrete.





Da hängen Notizen und Telefonnummern am Kühlschrank, im Regal stehen Fotos, Sammelfiguren und auf dem Fensterbrett in der Küche liegt Kleingeld und der Briefkastenschlüssel. Man verhält sich so respektvoll wie möglich, guckt nirgends zu genau hin und versucht, dem gar nicht anwesenden Gastgeber so zu suggerieren, dass man das entgegengebrachte Vertrauen zu schätzen weiß. Man bemüht sich, keinen Dreck zu machen – ganz anders, als man es in einem Hotel vielleicht täte – und so wird selbst die Zeit, die man in der Unterkunft verbringt, zum Teil des Reiseerlebnisses, weil man neben der Erkundung der fremden Stadt, auch noch Zutritt zu einer weiteren, unbekannten und ganz persönlichen Lebenswelt eines Menschen bekommt.



Oslo hat mir gefallen. Das Wochenende war schön. Schön entspannt. Oslo ist entspannt. Entspannt und unaufgeregt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen