Samstag, 12. September 2015

Reisen

Mit dem Reisen ist das so: Fern- und Heimweh sind wie zwei liebe Freunde, die sich umarmen oder an den Händen halten. Und sie wohnen beide irgendwo ganz in der Nähe meines Herzens. Mal flüstert der eine und drängelt und schiebt und wenn ich ihm nachgebe, wird der andere wieder etwas lauter. Das Fernweh spricht in Bildern, zeigt mir das Meer, die Küsten, die Natur von Südengland oder riesige Städte oder Berge und Wälder im Nordwesten der USA. Es macht, dass ich meine bequemsten Schuhe anziehen, meinen liebsten Rucksack packen und mich mit Kamera und Tagebuch auf den Weg machen möchte. Es kribbelt dann in der Magengrube und ich stelle mir vor, weit weg zu sein von allem und taub zu werden für das, was zuhause Forderungen und Ansprüche stellt. Davon, aus der Ferne die Alltäglichkeiten nur noch winzig klein am Horizont zu sehen, mich umzudrehen und sie ganz zu vergessen. Im Oberkörper wird es dann ganz weich und ich kann freier, tiefer atmen. Meine Schultern werden locker und ich wachse ein kleines Stück.


Land's End, England, UK (2012)


Und dann ist da das Heimweh. Es ist kein Schmerz, nur ein Gedanke. An das Bekannte, das Vertraute. Ein Gefühl, wie der Maulwurf es in „Der Wind in den Weiden“ bekommt, als er nach langer Zeit zusammen mit der Wasserratte zurück kommt in seine Höhle. Zuhause hat Beständigkeit und strahlt Wärme aus und Sicherheit, die einen empfängt und aufnimmt. An all das denke ich dann, manchmal, wenn ich weg bin, unterwegs und auf Reisen, mit meinem Freund, dem Fernweh und seiner Schwester, der Wanderlust. Die beiden eilen voraus und ich muss hin und wieder stehen bleiben und innehalten, weil das Heimweh mich einholt und auch ein bisschen die Vorfreude auf den Moment des Heimkommens.


Berlin (März und August 2015)

Ich bin froh und dankbar dafür, dass beide meine Freunde sind. Fernweh und Heimweh. Dass ich mich gerne aufmache, um weit weg von daheim ein weiteres Abenteuer in meinen Rucksack zu packen, aber auch das Zurückkehren schätzen kann und das Verweilen an einem Platz, der zuhause ist.

Heute geht es nach Irland. Irland. Alleine der Name macht mich froh. Fernweh, Wanderlust und Vorfreude sind groß. Das Heimweh schläft, ruht sich aus, wird mir aber die Abreise in 10 Tagen weniger schmerzhaft und traurig machen. Zeit vergeht eben. Schöne Dinge kommen und gehen. Und anstatt mich von Insel zu Insel zu retten, mache ich die Augen auf und sehe auch all das Schöne dazwischen.

In diesem Sinne: Schönes Aufbrechen, Reisen, Heimkommen und Verweilen euch allen.


Jurassic Coast, England, UK (2013)

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Kommentare:

  1. Irland. Bei Irland muss ich immer an verirren denken. Aber das ist per se ja nichts schlechtes. Wer schwankt hat mehr vom Weg.

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    1. Als Kind hörte ich Irland und wollte dann nicht hin, weil alle dort irre sind. Letzteres kann ich jetzt bestätigen, aber dadurch war es noch so viel schöner.

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