Sonntag, 11. Oktober 2015

Nothing To Report


Ein verhaltenes Hallo in die Runde. Seit dem letzten Post ist gar nicht allzu viel Zeit vergangen, dennoch fühle ich mich hier gerade wie auf Besuch. In medias res: In den letzten vier Monaten sind Wochenenden zu diesen sakralen zwei Tagen geworden, die – liegen sie noch unangetastet vor mir –, unendliche Freiheit verheißen. Dieses Gefühl ebbt am frühen Samstagabend etwas ab und spätestens am Sonntagabend ist es verschwunden, sodass ich es unerklärlich finde, wie es nur 24h am Leben sein konnte. Das klingt nun, als sei meine Woche schwer erträglich und nur am Wochenede Leben möglich. Nein. Aber nach Jahren des autonomen Studierens und sich (sehr bedingt) an Vorgaben halten müssens, ist die plötzliche Fremdbestimmtheit des eigenen Lebens nur erst einmal ein Schock. Ab Freitagabend (für zwei Tage) im Grunde tun und lassen zu können, was und wann man möchte, wirkt dann wie ein unglaublich fantastisches Prinzip.


Manchmal vergesse ich kurz, welchen Monat wir haben und welche Jahreszeit. Ob gerade Frühling ist und Ostern kommt oder doch Herbst und Weihnachten. (Es ist letzteres, ich verifizierte das.) Die Zeit streicht so an mir vorbei, wahrscheinlich weil die Tage sich nicht sonderlich voneinander unterscheiden. Entsprechend leer bin ich auch. Nicht emotional oder so, einfach ... was Kreativität betrifft. Das Wochenende schüttet immer einen riesigen Topf Euphorie über mir aus. Das Bauchrkibbeln und die Aufregung angesichts der zwei freien Tage ist manchmal so heftig, dass ich am Samstagmorgen aus dem Bett springen möchte, noch bevor ich es sonst während der Woche (gezwungenermaßen) tun muss. Einfach nur, weil ich die vor mir liegende Zeit nutzen will. Und dann komme ich in Fahrt und will Dinge tun, erledigen, schaffen, etwas auf die Beine stellen, schreiben, fotografieren, an eigenen Projekten arbeiten (endlich!) und stelle fest: ... da ist nichts. Ich habe keine Energie. Ich will nichts müssen. Ich will nur sein.

Kreativität lässt sich nicht ausspucken, wenn man gerade Zeit für sie hat. Meine zumindest nicht.
Daher: … nothing to report.
Es gäbe schon etwas zu erzählen... Geschichten sind überall. Aber meine wollen nicht aus meinem Kopf. Sie genügen sich selbst und können gut mit ihrer Unausgesprochenheit leben. Ich hätte viele Fotos, Erlebnisse, Gedanken, Rezepte ... man müsste alles nur aufbereiten, präsentabel machen und rausschicken. Aber es möchte nicht.

Stattdessen verbringe ich die Zeit mit Praktischem. Mit anderen Pflichten. Welchen, die ich durchaus mag. Sind sie erledigt, helfen mir die Ergebnisse, unter der Woche ein funktionierender erwachsener Mensch zu sein, der wirkt, als habe er alles unter Kontrolle. „Nein, mein Leben ist keine unorganisierte Katastrophe. Ich habe Lebensmittel im Kühlschrank und esse gesund, habe ausreichend frische Wäsche ... Ich kümmere mich um Bank-Kram, bekomme genügend Schlaf, auch frische Luft, mache Sport, vergesse keine Geburtstage. I'M FINE!“

Alles unter Kontrolle*, wirklich. Nur Zeit ist einfach keine da. Das Schönes, Eigene kann ich nicht so wirklich tun gerade, es muss in meinem Kopf passieren. Spaß, Freude, Glück. Alles da, nur mehr in dem was ich denke und fühle.
Honestly though: Mindestens 1x am Tag freue ich mich riesig über irgendwas ganz Kleines. Und das ist Glück. Sich am Gewöhnlichen freuen können und darin das Besondere erkennen. Habt ihr mal über den Herbst nachgedacht? Diese Farben, die kühle Luft... Und wir bekommen ihn einfach so. Wenn ich auf meinem Fahrrad sitze und den Kopf in den Wind strecke, dann gibt es in dem Moment nichts besseres. Oder Harry Potter. Ich lese gerade den ersten Band nochmal. Die illustrierte Ausgabe. Was ein Glück, dass es diese Welt gibt. Oder denkt an Essen. Wir hatten absurd guten Kürbis vorgestern. Der hat mich unverhältnismäßig glücklich gemacht. Und Musik. Gerade läuft Lorde. Meine Herbstmusik.

Nur manchmal ... weiß ich nicht genau, wo ich bin. Nicht lokal. Eher – ...
In einem Brief schreibt Emily Dickinson: »I am out with lanterns, looking for myself.« Das ist nun völlig aus dem Kontext des Briefs gegriffen. Aber wenn ich die Aussage isoliert betrachte, erkenne ich mich wieder. Meine Energie, die ich jeden Tag aufwende, um ebendieser funktionierende Erwachsene zu sein, bringt die Laterne zum Leuchten. Von ihrem Licht erhoffe ich mir eine erleichterte Orientierung und die Chance, mich zu finden in Dingen, denen ich täglich meine Zeit schenke.
Eilt man mit einem hellen Licht durch absolute Dunkelheit, hat die Dunkelheit noch ein viel tieferes Schwarz. Man wird blind für alles, was es jenseits des Lichtscheins zu sehen gäbe. Man wird ein wandelnder blinder Fleck.
Vielleicht sollte ich die Laterne einfach abstellen und ohne sie weitergehen. Und wenn sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, wird aus der Schwärze ein Grau, das viel leichter zu druchdringen ist und in dem ich tatsächlich etwas finden kann. Vielleicht.


*Apropos Kontrolle: Dieser ganze Blogpost ist eine strukturelle Katastrophe ohne Anfang und Ende, Verzeihung. ¯\_(ツ)_/¯

Kommentare:

  1. Ich mag deinen Blog so wie er ist :) auch solche Posts ohne "Geschichten" <3

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