Sonntag, 27. Dezember 2015

Vom Heimkommen zu Weihnachten



Nach vier Tagen in meiner alten Heimat und einem Weihnachtsfest mit Familie und Verwandten, kam ich vorgestern spätabends zurück nach Berlin. Nicht der Flug in den Süden vor Heiligabend war für mich das Heimkommen zu Weihnachten, sondern die Reise und die Rückkehr nach Berlin: Als sich das Flugzeug im Sinkflug den blässlich orange glimmenden Lichtern der Stadt näherte, atmete in mir etwas ganz tief und gelöst aus.
Ich leihe mir die Aussage einer sehr guten Freundin, wenn ich sage: „Berlin hat mir damals das Leben gerettet.“ Es war sehr wichtig für mich, vor einem knappen Jahr aus meiner Heimat wegzugehen. Ich brauchte eine Chance, die ich, wo ich herkam, nicht bekommen konnte: Eine Chance auf ein glückliches und freies Leben. Trotz aller Widrigkeiten.
Die Herbstmonate des letzten Jahres und der darauf folgende Winter und Frühling 2015 waren für meine Familie und mich die wohl schwerste Zeit, die wir jemals hatten. Bestimmt von Krankheit und Angst. So viel Angst. Inmitten von all dem musste ich zu Beginn des Jahres mein Studium abschließen, musste Bestleistung bringen, konnte nicht einfach alles sein lassen und hinwerfen, weil in Anbetracht der Umstände ohnehin nichts mehr Sinn zu haben schien. In den schwersten Zeiten gibt es nur einen Weg: durch. Durch die pechschwarze Dunkelheit und ganz am Ende die Leiter rauf ins Licht. Wenn es denn eine Leiter gibt. Da gehört dann Glück dazu. Für meine Familie kam sie etwa in der späteren zweiten Jahreshälfte und mittlerweile hat sich jeder von uns irgendwie wieder an die lichte Oberfläche gekämpft.
Meine Leiter ans Licht kam mit dem Gang nach Berlin. Ich wäre nicht stark genug gewesen für den ganzen Weg, das habe ich sehr früh schon gemerkt. Berlin hat mir eine Hand gereicht und mich aufgenommen, mir gezeigt, dass es weitergeht, immer – mir das Gefühl gegeben, genau richtig zu sein, vollkommen in meiner Unvollkommenheit und am wichtigsten: frei. Ich bekam das Geländer zu fassen und konnte mich festhalten und mit wieder gefundenem Halt zu meiner Mitte zurückkehren und mein Leben erneut aufnehmen.
Das Fest in diesem Jahr war ein besonderes: Zum einen, weil nun so viel überstanden, alles anders und von einer neuen Positivität und Zuversicht durchwirkt ist und zum anderen, weil ich – zurück in meiner alten Heimat –, zum ersten Mal sehr tief spürte, was Berlin für mich bedeutet.
Wirklich Weihnachten war für mich erst, als am Abend des 25. der Flieger in Tegel aufsetzte und mich wieder in die Stadt entließ, die mich vor zehn Monaten bereits bedingungslos aufgenommen hatte.


1 Kommentar:

  1. So ein schöner Text!! Auch ich hatte, als ich mit 22 nach Berlin ging und hier niemanden kannte, das Gefühl, die Stadt kommt mir entgegen, sie nimmt mich, so, wie ich bin und ich bin ihr heute noch dankbar dafür!!
    Es war schön, Deinen Text zu lesen und die Bilder zu sehen! Um ca 22.45 kam ein Flugzeug im Sinkflug nach Tegel an und ich dachte, als ich es am Nachthimmel sah: Da sitzt jetzt bestimmt Du drin. Viel Freude in Paris! Liebe Grüße Minna

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