Samstag, 9. Januar 2016

»It's My Party And I Cry If I Want To« – von Geburtstagspartys und dem Feiern an sich

Dass ich Geburtstagsfeiern hasse, habe ich im Alter von 11 Jahren herausgefunden. Während diverser und während meiner eigenen Geburtstagsfeier. Im September 1998 war ich in die 5. Klasse und auf eine neue Schule gekommen. Die „mixed gender“-Geburtstagsfeiern setzten sich in meiner Stufe gerade durch und im Zuge dessen verschob sich der zeitliche Rahmen, in dem die ganze Angelegenheit stattzufinden hatte, sowie die konkreten Inhalte der Feierlichkeiten. Während man in der 4. Klasse noch ohne sich dafür schämen zu müssen für 14:00 Uhr zu Kuchen, Spielen, einem Kinofilm oder einer Schnitzeljagd einladen konnte, durfte, was zuvor einfach „Geburtstagsfeier“ hieß, nun als „Party“ deklariert, frühestens um 18:00 beginnen und bitteschön mindestens bis 22:00 dauern. Hatte man richtig was zu bieten, fand der Spaß in einem spärlich beleuchteten „Partykeller“ oder einem zumindest elternfreien, abgedunkelten Wohnzimmer statt, das geräumig genug für „rhythmische Bewegung zu Musik“ und diverse semi-jugendfreie „Spiele“ zu sein hatte. Überwiegend bestanden diese Feiern aus dem Herumsitzen in einzelnen Grüppchen, meist homogen bestehend aus Mädchen oder Jungs, die sich dann gegenseitig argwöhnisch beäugten oder feixend angrinsten. „Naja, wir waren halt Kinder.“ JA EBEN. Wir waren 11, verdammt nochmal. Wieso musste man in dem Alter denn so tun, als wäre man 17+, gänzlich auf- und abgeklärt und das totale Partytier? Ich wollte einfach Rodeln, Kegeln, Klettern gehen, ins Kino oder zum Eislaufen. Auf den Partys dagegen fühlte ich mich damals deplatziert und unwohl, nicht hinzugehen kam aber nicht in Frage, denn der Tatsache, dass man eingeladen worden war – von den coolen Kindern mit den Partykellern, großen Musikanlagen und superlockeren Eltern –, musste Tribut gezollt werden. Eine ausgeschlagene Einladung zog allerlei Folgen nach sich: Man konnte am Montag nach dem Happening nicht mitreden und –lachen, lief Gefahr, zur nächsten Fete nicht eingeladen zu werden und schloss sich dadurch sukzessive selbst aus. Quelle horreur!

Nach den ersten Monaten in der 5. Klasse und diversen „Geburtstagspartys“ bei anderen Kindern, die sich für geschlechtsreife Teenager hielten, stand im Januar 1999 schließlich mein Geburtstag an. Ob ich die Feiern nun gut fand und genießen konnte oder nicht, eine Wahl hatte ich in meiner 11-jährigen Realität keine: Ich MUSSTE auch sowas schmeißen.
Die Einladungen entwarf ich mit CorelDraw. Sie waren grauenvoll, dennoch aber nach einer Biologiestunde in den Händen von ca. 10-15 meiner Klassenkameradinnen und Klassenkameraden. Als ich das DINA4-Blatt, auf dem irgendeine vielfarbige Explosion und darunter Antworten auf die wichtigen WAS? WANN? WO?-Fragen gedruckt waren, durch die Klasse zirkulieren sah, wurde mir etwas flau in der Magengrube. Bis hierhin hatte zumindest der Gedanke _meiner_ Party irgendwie Spaß gemacht, aber jetzt musste ich liefern und mit meiner Feier für Gesprächsstoff sorgen und mich etablieren.
Aus dem kleinen, flauen Gefühl im Magen wurde eine ausgewachsene Übelkeit mit Kälteschauern, als eine Woche später an einem Samstagabend unser „Partykeller“ aka das leer geräumte Zimmer meiner großen Schwester voll war mit Menschen aus meiner Klasse, die ich eigentlich gar nicht wirklich mochte. Die Feier war der reinste Stress. Ich stand im Mittelpunkt. Für ein schüchternes Kind ist das alleine der reinste Horror. Dass ich ein „schüchternes Kind“ war, sage ich heute von mir. Damals glaubte ich, wie all die anderen zu sein und verstand folglich nicht, warum mir diese ganze Socializing-/Stimmungsmachersache so wahnsinnig schwer fiel. Bei den anderen hatte es doch auch einfach so funktioniert: Auf den Feiern meiner Mitschülerinnen und Mitschüler hatten alle (dem Anschein nach) Spaß gehabt und sich amüsiert. In meinem Geburtstagskeller des Partyhorrors dagegen stand die Zeit still. Am liebsten wäre ich in mein Zimmer geflohen und erst nach Ende des Trauerspiels wieder rausgekommen, aber ich musste den Abend durchhalten und war erleichtert wie nie, als irgendwann auch der letzte Gast gegangen war.
Rein sozialstrukturell hatte das Desaster in der Schule keine Folgen. Vermutlich war es für mich ein viel schlimmerer Abend gewesen als für alle anderen. Dennoch war mir durch dieses Erlebnis klar geworden: Ich hasste Geburtstagsfeiern. Die von anderen und meine eigene(n). Warum genau, wusste ich damals noch nicht. Dieses Verständnis für mich und meine Persönlichkeit kam erst viele Jahre später. Für den Moment musste ich als 11/12/13 bis etwa 20-Jährige mit dem Glauben leben „einfach komisch“ zu sein.

Als in der 5. Klasse dann ein paar Monate später die nächste Partyeinladung einflatterte und ich bei dem Gedanken alleine schon Panikanfälle bekam, holte ich meine Mutter ins Boot und wir überlegten uns was: Ein Treffen mit Freunden der Familie, bei dem ich dabei sein sollte, erlaubte es mir leider nicht, die Einladung zu der Feier wahrzunehmen. Eine Notlüge, zu der meine Eltern zähneknirschend bereit waren. Als Kind ist man nicht gefestigt genug für die ehrliche Antwort: „Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich, dass Du mich gerne dabei hättest, aber das ist einfach nichts für mich.“ Sowas kann ich heute sagen. Mit 28. Es ist nicht so, dass ich alle Einladungen kategorisch ablehne. Ich entscheide jedes Mal neu, weiß aber, dass ein Nein auch ohne Arzttermin, Familientreffen oder Radunfall legitim ist. Es dauert, da hinzukommen. Man muss sich kennen- und verstehen lernen und Akzeptanz und ja, Liebe für die eigene Persönlichkeit entwickeln. Auf dem Weg wird man sich oftmals „falsch“ fühlen und fehlerhaft, wie eine Montagsproduktion, bei der die Partykomponente fehlt. Mit der Zeit lernt man, dass „falsch“ gerne synonym für eine gesellschaftlich kaum akzeptierte Wesensart verwendet wird, die eigentlich „einfach nur anderer Natur“ ist als die der breiten Masse. Wie man von anderen genannt wird – ob nun komisch oder falsch, ist letztendlich egal, solange man eine Lebensweise findet, mit der man sich selbst „richtig“ fühlt und findet. Partys, Feiern und anderen sozialen Gatherings (größtenteils) fern zu bleiben, ist Teil einer Lebensweise, die sich für mich anfühlt wie Streicheln _mit_ dem Fellstrich und nicht dagegen.
Meinen Geburtstag feiere ich jedes Jahr – mit einer Party und vielen Menschen aber nicht mehr seit 1999. Der Tag ist trotzdem immer ein „richtiges“ Fest, weil er feiert, was ich mag und mich feiert, wie ich bin.

Meine „Birthday Extravaganza“ im Januar 2016:

— Frühstück bei The Bowl in Friedrichshain #raw #vegan




— Erinnerungen aus dem Fotoautomaten —


— Paris-Sehnsucht und parisian treats aus dem KaDeWe —






— Geschenke! —




Auf dass ihr alle sein könnt, wie ihr eben seid und feiert, wie ihr (euch) eben feiern (lassen) möchtet!

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