Samstag, 20. Februar 2016

Wie weniger mehr Freude macht

Dass ich seit einiger Zeit dabei bin, meinen Gesamtbesitz bedeutend zu minimieren, habe ich in diesem Post im vergangenen Jahr schon einmal angeschnitten. Das Ganze ist ein Prozess und nicht an einem Wochenende erledigt, daher bin ich nach wie vor dran. Es geht nicht nur ums Aussortieren. Ziel ist, nichts Neues anzusammeln bzw. bewusst/vernünftig einzukaufen und sich im Zuge dessen den Sinnloskonsum abzugewöhnen.


Um kurz zu rekapitulieren, hier die Gedanken von besagtem Post im Oktober:
Vor einiger Zeit hatte ich einmal anklingen lassen, dass ich in allen Bereichen meiner „Besitzgüter“ gründlich aussortiert habe und das eine wunderbare Sache war. Davon möchte ich gerne erzählen.
Durch mein stetes Wohnen in winzigen WG-Zimmern oder Einzimmerwohnungen, hatte mein Kram nie die Möglichkeit, ins Unermessliche zu wachsen. Dennoch akkumuliert man eben eine ganz beachtliche Menge an Sachen über die Jahre.
Vor gut zwei Jahren zog ich in München einmal um. Die Aussicht, all meinen Krempel in Kisten packen zu müssen, bewegte mich dazu, ihn vor dem Umzug drastisch zu reduzieren. Seit diesem Zeitpunkt ist die Menge an Dingen, die ich mein Eigen nenne, stets geschrumpft, anstatt zu wachsen. Ein Trend, der mich sehr zufrieden macht.
Auch vor und nach dem Umzug Anfang dieses Jahres [2015] habe ich mich von vielen Sachen verabschiedet und tue es nach wie vor. Ich habe mich mittlerweile so daran gewöhnt, regelmäßige (mindestens 1-2x/Monat) Bestandsaufnahmen zu machen und auszusortieren, dass es keinen Fleck in der Wohnung gibt, an dem vergessene Dinge schlummern, die ich (eigentlich) nicht brauche. Einige Schubladen und Stauräume in meinem Zimmer sind bis auf wenige Stücke leer und das gefällt mir sehr gut.
Versteht mich nicht falsch: Was ich alles so habe, schreit immer noch „Wohlstand!“ und „erste Welt!“, ... was ich jedoch geschafft habe und woran ich weiterhin arbeiten will, ist ein Gefühl dafür zu entwickeln, was ich habe/brauche und was nicht. Klar einschätzen zu können „Möchte ich das nun kaufen, weil ich es haben will oder weil ich es brauche/es nützlich ist?“. Diese Frage hilft mir sehr. Wenn ich dann feststelle „Dieses dritte Paar Sneakers möchte ich einfach gerne haben, weil ich es schön finde.“, dann sage ich mir entweder „Nein, brauchst du nicht, geh heim.“ oder „Ok, aber dann musst du dafür zwei Paar andere Schuhe aussortieren/verkaufen/spenden o.ä.“
Es geht mir vordergründig nicht bloß darum, nichts anzusammeln, was ich nicht brauche/benutze, sondern meinen Besitz auf Dinge zu beschränken, die tatsächlich zum Einsatz kommen. Und das macht Spaß! Denn wenn etwas Geldverschwendung war und Platzverschwendung ist, macht mich das unzufrieden und unglücklich. Die Tatsache dagegen, wenige Lieblingsstücke (z.B. ein Paar Stiefel, einen Mantel, einen Rucksack) zu besitzen, die ich regelmäßig trage/benutze und mich viel begleiten, macht mich froh. Und das wäre ich gerne so oft wie möglich.
[...]

Wie gesagt, die Angelegenheit ist ein Prozess. Bei mir setzt(e) er sich aus zwei Teilen zusammen. Besitz dezimieren und keinen neuen anhäufen. Beides klappt prima, es geht mir gut damit und macht Spaß. Im Folgenden daher ein Status-Update:

Die meiste Arbeit gab es für mich bei Klamotten und Schuhen zu leisten. Mein großes Glück bei der Thematik ist allerdings, dass ich „Shopping“ nicht sonderlich genieße und gerade Kleidung ungern kaufe. Nichts neues hinzukommen zu lassen, fiel mir entsprechend leicht. Und beim Aussortieren durchlief ich über Monate einfach mehrere Phasen: Erstmal habe ich mich gezwungen, alles was ich habe mindestens einmal einen Tag lang in irgendeiner Kombination zu tragen, um mich am Ende fragen zu können: „Habe ich mich wohl gefühlt? Habe ich das gerne angehabt? Habe ich mir gefallen? Würde ich das wieder anziehen?“ Bei der Beantwortung stellte sich dann schnell heraus, ob die Sachen in die Wäsche und zurück in den Schrank kommen oder direkt in den Kleidersack. Auf diese Weise konnte ich bereits eine ganze Menge loswerden und bei einem Korpus ankommen, den ich (sehr grob) mit „Ziehe ich gerne an“ bezeichnen will. Da diese Menge an Teilen für meine Begriffe noch immer sehr groß ist, bin ich beim Aussortieren in der nächsten Phase gnadenlos geworden und packte Klamotten in die Säcke, die mir vermutlich in den kommenden zwölf Monaten ein paar Mal einfallen und vielleicht sogar fehlen werden. Diese wenigen Momente stehen aber nicht im Verhältnis zu dem befreienden Gefühl, das mit jedem Teil wächst, das ich weggebe. Das Ausmisten ist Gewohnheit geworden und die Frage „Na, überlegst du, was du als nächstes wegschmeißen könntest?“, der runnig gag, wenn ich mal wieder vor meinem offenen Schrank oder dem Schuhregal stehe.
Ich weiß nicht, bei welcher Menge ich ankommen muss, um das Gefühl zu verlieren, Sachen loswerden zu wollen. Die Regeln der „Capsule Wardrobe“ helfen mir dabei irgendwie nicht, weil ich mit der gesetzten Anzahl von Teilen in einer Kategorie (z.B. drei Röcke: einer für den Sommer, ein „schicker“, ein wasweißich) nichts anfangen kann. So funktioniert mein Kleidungsstil nicht. „Dressing up/dressing down“, „für die Freizeit“, „für die Arbeit“ gibts bei mir nicht. Ich habe einfach Klamotten und die ziehe ich an. Wann ich also aufhören werde, jede Woche Sachen aus meinem Schrank zu ziehen und in einen Kleidersack zu stecken, wird sich noch zeigen müssen.

Das mit dem nichts kaufen klappt wie gesagt auch gut: Durch die Identifizierung meiner „Lieblingssachen“ nehmen all diese meine Aufmerksamkeit so in Anspruch, dass ich weder einen Mangel erkennen kann, noch Bedarf sehe. Das nicht-konsumieren wird dabei ebenso zu einer reinen Gewohnheitssache wie zuvor das wie selbstverständliche Kaufen von Dingen. Wenn ich etwas kaufe, dann ist es eine bewusste Anschaffung: In den vergangenen zwei Monaten habe ich beispielsweise zwölf Paar Schuhe aussortiert, die alle ganz nice to have waren, aber alle kein Alleinstellungsmerkmal hatten oder sich in ihrem Nutzen klar voneinander unterschieden. Ich verkaufte sie also/gab sie weg und schaffte statt der zwölf, zwei Paar neue Schuhe an, die mir mehr Freude machen werden, als alle aussortierten zusammen. Two-in-twelve-out soll nun nicht zwangsläufig die Bedingung für zukünftige Käufe werden. Aber es geht mir darum, ganz genau zu wissen, was ich habe und wofür ich es benutze. Dann lässt sich identifizieren, was evtl. überflüssig ist und wo optimiert werden kann. „Fand ich einfach schön und hab's dann gekauft“ wird es demnach nicht mehr geben.
Und was generell den Kauf von Klamotten betrifft, möchte ich weiterhin verstärkt in Thriftstores und auf den Flohmarkt gehen. Da das Angebot dort immer sehr zufällig und nicht so generisch und austauschbar ist, findet man oftmals auch einfach nichts und wenn doch, dann sind es Einzelstücke, die man bewusster kauft. Einen Pullover, statt wie bei H&M einen Arm voll Klamotten. Zum Kauf von neuen alten Sachen, habe ich im letzten Jahr ebenfalls mal was geschrieben.

Nun weiß ich, dass sich einige vom „Shopping“ eben eine dicke Packung Glücksgefühle holen – einfach auf das Kaufen zu verzichten, muss daher denkbar schwierig sein. An der Stelle würde ich raten zu ergründen, was dem Bedürfnis, sich regelmäßig/sehr häufig durchs Einkaufen zu „belohnen“ oder gar zu „trösten“ zugrundeliegt oder vorausgeht. Welcher Natur ist diese Leere oder das „Loch“, welches durch den Konsum/das Einkaufen ausgefüllt werden soll? Der Eindruck, etwas zu „brauchen“ oder kaufen zu „müssen“, ist meiner Meinung nach nur das Symptom eines eigentlich anderen Problems. Die Ergründung dessen und der Versuch herauszufinden, was nachhaltig für Erfüllung und Glück sorgen kann, ist wesentlich gesünder und in jeder Hinsicht sinnvoller als die Konsumkurzzeitlösung. Wem das zu eso ist, muss so weit ja nicht mitgehen. Ich denke nur, dass dem Konsumwahnsinn mehr zugrunde liegt als nur die Message unserer Gesellschaft „Kauft!“.

In Sachen „Decluttering“ kommt man nicht an Marie Kondos The Life-Changing Magic of Tidying Up vorbei. Daher habe ich mir das Buch angeschafft. Und war etwas enttäuscht und entsprechend auch irgendwie erleichtert. Let me explain: Aus dem Buch kann ich nichts lernen, dafür räume ich zu viel auf, kenne zu gut, was ich habe und besitze auch einfach „zu wenig“. Wenn Marie Kondo mit Klienten säckeweise Kram entsorgt, schlackern mir die Ohren, weil ich so viel gar nicht erst hätte. Also ja, schon, aber dann bliebe nichts übrig. Wenig beeindruckt war ich von dem Buch also und gleichzeitig erleichtert, weil ich offensichtlich kein Messy bin, sondern ein leidenschaftlicher Ausmister und Aufräumer. Yay me.
Was ich mir von Marie Kondo aber abgucken konnte, war ein Tipp zum Aussortieren von Büchern. Wenn ich die in der Vergangenheit reduzieren wollte, stand ich stets vor dem Regal und scannte die Rücken. Und genau das ist laut Marie Kondo der Fehler. Alle Bücher müssen raus aus dem Regal und auf den Boden und zurück ins Regal darf nur, was wirklich bleiben soll. Bücher vom Boden wieder fein säuberlich auf die Regalbretter zu sortieren, ist dabei wesentlich aufwendiger, als sie auf einen „Verschenke-Stapel“ zu legen. Folglich fällt einem die Trennung auch leichter. Das trifft für mich v.a. deshalb so gut zu, weil in meinem Bücherregal strikteste Ordnung herrscht. Irgendwas rauszuziehen und wegzugeben, reißt Lücken und macht alles durcheinander. Entsprechend ungern gehe ich das Aussortieren also an. Liegt dagegen alles ohnehin auf dem Boden und muss komplett neu einsortiert werden, fällt eine weitere Hemmschwelle weg und ich kann viel einfacher großzügig Platz schaffen.

Ein kurzes Schlusswort noch: Jeder wie er mag. Wie immer. Wer leidenschaftlich gerne einkauft, viel besitzt und sich weder überfordert fühlt von Kram, noch das Bedürfnis hat, sich von seinen Sachen zu trennen: Good for you. Dies ist nur (m)eine Sicht der Dinge und ein Einblick in ein laufendes Projekt, das mir sehr viel gibt und Freude macht.

Peace out.

1 Kommentar:

  1. Ein toller Beitrag. Ich genieße es jedes Mal aufs Neue etwas auzusortieren und fühle mich danach immer sehr befreit. Vor allem gefällt es mir, weniger zu besitzen, da man das Gefühl hat alles unter Kontrolle zu haben. Generell empfinde ich es auch als ein Gefühl von geringerer Verantwort, im Sinne von: Ich muss nur noch die Verantwortung für die wenigen Gegenstände tragen, die ich besitze.

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