Samstag, 19. März 2016

Sonntags am Boxi

Letzten Sonntag waren wir auf dem Flohmarkt am Boxhagener Platz. Da gehen wir ab und zu ganz gerne hin. Auch wenn der Markt dort nicht mein liebster ist. Absoluter Favorit wird der Flowmarkt in Neukölln bleiben. Der hat genau das richtige Sortiment, die perfekte Größe, ist familiär und in der Nachbarschaft. Jetzt aber zurück zum letzten Sonntag und nach Friedrichshain. Der Flohmarkt am Boxi ist, wenn ich das richtig beobachtet habe, eher ein Trödelmarkt, auf dem Händler Ware anbieten und keine Privatleute à la „ich habe meinen Schrank ausgemistet, lass uns auf den Flohmarkt gehen“-Einmaltäter. Vielmehr findet man hier Dinge der Kategorie „Wohnungsauflösung“ plus X. Und das X schließt dabei tatsächlich alles Erdenkliche an Plunder ein. Es gibt alles und nichts und nichts, was es nicht gibt und wenn man losgeht um genau „diese eine Sache“ aufzustöbern, wird man sie ganz sicher nicht finden, obwohl sie eigentlich tatsächlich irgendwo dort auf einem der Tische liegt. Irgendwo.


Auf den Flohmarkt am Boxhagener Platz geht man nicht so sehr mit dem Ziel, etwas Brauchbares zu entdecken, sondern eher, wie man in ein Museum geht. Museum mit Anfassen. „Hier hätten wir so eine Schale suchen können, die wir neulich bei Karstadt gekauft haben.“ Ja, hätten wir suchen können. Ob wir in dem Wust auch eine gefunden hätten, ist die andere Frage. Eine nackte Schaufensterpuppe, ein Plüschpferd mit einem Meter Stockmaß oder eine analoge Armbanduhr aus Gummi von ca. 1987 aber, die hätten wir definitiv gefunden.
In Anbetracht meiner nach wie vor anhaltenden Bemühung, immer noch mehr Kram auszusortieren und zu entsorgen, war der Besuch auf dem Flohmarkt eher wie die Begehung eines Ortes, der von einer Naturkatastrophe heimgesucht worden war. An den Ständen vorbeizugehen, die vollgepackt waren mit zahllosem Krimskrams, hat mich regelrecht erschüttert. So viel Krempel. Überall. Gleichzeitig war es aber auch erleichternd. Ja, endlos Krempel. Und er gehört mir nicht. Thank God.




Flohmärkte sind klasse. Einmal aus eben genanntem Grund, weil sie mir vor Augen führen, dass ich nichts Überflüssiges (mehr) besitze und zum anderen, weil sie der Gegenentwurf sind zum Hochglanzeinzelhandel, der durch die strukturierte und geordnete Darbietung seiner Ware den Anschein erweckt, ausschließlich wertige und nützliche Artikel an den Konsumenten bringen zu wollen. Diese scheinbare Ordnung und Ratio des Kaufens und Konsumierens wird vom Flohmarkt ad absurdum geführt. Hier liegen Dinge rum, die ganz offensichtlich kein Mensch braucht. Schon fünf Leute zuvor haben Teil x besessen, nicht gebraucht und daher weitergereicht und nun liegt es da und will verkauft werden und wieder braucht es niemand. Genau wie im Einzelhandel. Nur ist dort Teil x etwas glänzend Schönes, scheinbar Intaktes und keine nackte Puppe mit nur einem Arm.

Nach unserer Runde um den Boxhagener Platz liefen wir nicht zurück zur Warschauer Brücke, um mit der U1 Richtung Kreuzberg zu fahren, sondern nahmen ein Car2Go. Es war kalt. Und wenn es nordöstlich der Spree eines ist, dann noch kälter: Wann immer ich an der Halstestelle Warschauer Brücke aussteige und über die vielen Bahngleise Richtung Revaler Straße laufe, bin ich mir ganz sicher, dass es hier mindestens 5°C kälter ist, als vor ein paar Minuten noch am Landwehrkanal. Zugegebenermaßen hängt das aber auch mit meinem Bauchgefühl zu dem Bezirk Friedrichshain zusammen. Als Münchner Berlinerin begebe ich mich mit derlei Aussagen vermutlich auf sehr dünnes Eis, aber nach einem Jahr Hauptstadt nehme ich mir heraus, zumindest einen Eindruck zu äußern: Die Warschauer Brücke ist wie der Kleiderschrank in „The Lion, the Witch, and the Wardrobe.“ Nicht weil auf der anderen Seite ein abenteuerlich aufregendes Fantasieland wartet, sondern einfach weil die Gegend hinter der Schrankwand, nördlich der S-Bahngleise, mit der diesseits der Kleiderschranktür so gar nichts zu tun hat.

Auf welcher Seite man sich lieber aufhält, ist vermutlich Geschmackssache. Für mich ist es jenseits der Warschauer Brücke jedenfalls hart, wild, fremd und ungemütlich. Es gibt auch Ausnahmen, keine Frage. Es ist nur so ein generelles Gefühl. Und während ich das Quartier, welches Bahngleise, Warschauer Straße und Frankfurter Allee einschließen, irgendwie aufwühlend finde, bin ich immer sehr gerne wieder in Richtung Kreuzberg unterwegs. Ist man einmal wieder über die Oberbaumbrücke drüber und an der U1 entlang auf dem Weg zum Kotti, rückt alles Aufgschüttelte in mir wieder an den richtigen Fleck. Fühlt sich so konservativ und alt sein an? Is mir egal. Graefekiez, komm an mein Herz.

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