Samstag, 16. April 2016

„Marissa, schmeiß‘ hin.“

Neulich in der Mittagspause kam ich an einer Bäckerei vorbei. Auf einem Plastikstuhl vor den Ladenfenstern saß ein Mädchen, ungefähr sieben. Sie hatte sich gerade erst umständlich niedergelassen, denn der große Schulranzen auf dem Rücken und der Turnbeutel über der linken Schulter erwiesen sich als sehr hinderlich. Vor allem, weil sie gleichzeitig ein dick mit Zuckerguss überzogenes Blätterteigteilchen auf einer braunen Bäckerpapiertüte balancierte, während sie ihren offenen Mund zielgenau darauf zu manövrierte. Das Mädchen hatte den ersten Bissen noch nicht genommen, als ihre Mutter aus der Bäckerei kam und sie antrieb mit „Marissa, nicht hinsetzen, wir haben keine Zeit. Du musst zur Blockflöte.“

Mehr bekam ich im vorbeigehen nicht mit, aber das Wort „Blockflöte“ warf meinen Erinnerungsapparat an und beförderte das riesige Kapitel „musikalische Früherziehung, Sopranflöte und mehr“ an die Oberfläche.

Flötenunterricht bekam ich ab dem Kindergarten. Er fand bei einer Freundin zuhause statt. Wir waren zu dritt in der Gruppe. Wie es zu dieser Dreierkonstellation gekommen war, weiß ich nicht, denn ich war mit den Mädchen nicht wirklich befreundet, die beiden dafür aber richtig dicke. Das machte die Sache von Beginn an denkbar heikel. Als sich dann auch noch zeigte, dass mir das ganze Geflöte leichter fiel als den anderen beiden, war der Zug in Sachen Freundschaftsgefühlen definitiv abgefahren. Mir wurde der Unterricht tatsächlich irgendwann zu blöde und langweilig. Der nächste logische Schritt war Einzelunterricht. Den bekam ich von einer richtig, echten Musiklehrerin, die eine eigene Musikschule führte und so ungefähr jede Flöte unter der Sonne spielen konnte. Dass meine erste keine „richtige, echte“ Musiklehrerin gewesen sein konnte, wurde mir nach ein paar Stunden mit der wirklichen, echten Lehrerin klar: Die musste nämlich feststellen, dass ich nur nach Gehör spielte, aber keine einzige Note lesen konnte. Solange ich mir eine Melodie merken konnte, war das kein Problem und ich flötete einfach nach, was mir vorgespielt worden war. Aber als das Niveau rapide anstieg, setzte meine geheime nicht-ganz-so-super-Kraft aus. Wir zäumten das Pferd also von hinten auf und ich lernte dann auch noch das mit den Noten und Takten. (Merkt euch das mit dem Pferd, dazu kommen wir zum Schluss nochmal.)

Meine Lehrerin, ich nenne sie mal Frau Groß, war nicht die einfachste. Klein, hager, durchsetzungsstark; ein wilder Lockenkopf der sich mit der Musik bewegte, eine laute Stimme und scharfe Zunge. Was für andere Kinder vielleicht die gnadenlose Madame Balletlehrerin war, war für mich Frau Groß, die mal schwebende, meist rasende Flötenlehrerin. Nachsichtig war sie mit denen, die sie für untalentiert hielt und gnadenlos mit dem ambitionierten Rest. Während in den Gruppenstunden alle in Eintracht um einen großen weißen Tisch saßen und sich mehr oder weniger in den Schoß flöteten, wurde im Einzelunterricht gestanden. Gerade, aufrecht vor dem Notenständer. Frau Groß nur wenige Zentimeter schräg hinter einem, mit dem Fuß den Takt klopfend, wahlweise stampfend.
Ich weiß nicht mehr genau, wann ich die Lust am Flöte spielen und dem Unterricht verlor. Es gab eine Zeit, da hatte ich wirklich große Freude daran. Zumindest erinnere ich mich noch sehr genau an ein Weihnachtsfest, an dem ich meine erste Holzsopranflöte bekam und mich riesig freute. Verdorben hat es mir glaube ich tatsächlich diese Lehrerein. Ich will sie aber auch nicht verurteilen. Sie hat mit Leidenschaft getan, was sie wirklich gerne mochte und ihr Bestes gegeben. Das ließ ich aber einfach an mir abperlen. Und währneddessen hatte ich jede Woche Angst vor der Unterrichtsstunde, die in unserem Dorf in der kleinen muffigen Dachkammer der Musikschule stattfand.

Da ich irgendwann meine Musiktasche inklusive der Notenhefte und Hausaufgaben nach der Flötenstunde in einer Ecke unseres Wohnzimmers ablegte und erst wieder anrührte, als ich eine Woche später wieder zum Unterricht musste, vergaß ich desöfteren, dass ich für die nächste Stunde ein Musikstück hätte vorbereiten sollen. Meist stand mir dann der Angstschweiß auf der Stirn, wenn ich vorflöten sollte, was ich die Woche über geübt hatte, in Wirklichkeit aber gerade zum ersten Mal auf dem Notenblatt sah. Einmal verbummelte ich auf diese Weise, dass ich den musikalischen Part in einem Theaterstück hätte vorbereiten sollen. Als ich kurz vor Beginn meiner Stunde dann die Musikschule betrat und zu einer größeren Gruppe anderer Schüler stieß, die auf den Probenbeginn warteten, blieb mir fast das Herz stehen. Wenn ich mit Frau Groß alleine war, konnte ich einigermaßen vortäuschen, zumindest ein wenig geübt zu habe, aber angesichts des Menschenaufgebots an dem Tag, packte mich die kalte Angst, denn die Musikschule war voll von vielversprechenden Kindern wie mir. Nur dass die anderen tatsächlich ambitioniert waren und (mit ausgefahrenen Ellbogen) in der Woche wahrscheinlich so viel übten wie ich im ganzen Jahr nicht. Mir krochen kalte Schauer vom Nacken aus den Hals entlang bis zu den Haarwurzeln, so stand ich unter Stress. Nach ein paar Minuten ließ ich also verlauten, dass ich noch einen Zahnarzttermin hätte und heute nicht bis zum Schluss bleiben könne. Die Flucht gelang und damit lagen wieder 6 sorgenfreie Tage zwischen mir und dem nächsten Showdown in der Dachkammer der Musikschule.

Das mit der Dachkammer ist ein Detail, das mir lebhaft in Erinnerung geblieben ist. Während im Erdgeschoss Klavier und Geige unterrichtet wurden, stieg man zum Flötenunterricht eine sehr schmale, knarzende Holztreppe ins Dachgeschoss. Die Akustik dort war tatsächlich fabelhaft. Es gab einen kleinen Vorraum, in dem man wartete, bis der Schüler vor einem fertig war. Wofür ich stets gerügt wurde, war, dass ich während des Wartens nicht schon meine Flöte auspackte, anwärmte und mich mit ein paar Tonleitern einspielte. Ich saß einfach geistesabwesend dort und wartete. Die rote Ledermusiktasche in meiner schwitzenden Hand.
Während der eigenen Musikstunde war das Geräusch von Schritten auf der Holztreppe wiederum ein sicheres Zeichen, dass man es gleich überstanden hatte, weil sich der oder die nächste bereits näherte. Und im Vorraum warmspielte.
Die Wanduhr im Unterrichtsraum konnte man beim Spielen nämlich nur im Augenwinkel sehen und wann immer ich rüber schielte, bekam ich ein schneidendes „Augen auf die Noten!“ zu hören. Apropos Wanduhr: Das alte Ding war leicht zu erreichen, wenn man auf die Holzkommode darunter stieg. Hin und wieder, wenn Frau Groß den Raum verließ, um im Nebenzimmer nach Noten zu stöbern oder sich im Erdgeschoss einen Kaffee zu holen, kletterte ich auf besagte Kommode und schob mit dem Finger den Minutenzeiger ein Stückchen weiter. Frau Groß wunderte sich nach meiner Stunde dann, warum der nächste Schüler so spät dran war und in der Woche darauf ging die Uhr meist wieder richtig. Zu oft durfte ich den Trick nicht anwenden, aber neben dem Versuch, Frau Groß durch scheinbar interessierte Fragen zu minutenlangen Monologen hinzureißen, war der mit der Uhr einer meiner beliebtesten, um meine Zeit in der Dachkammer etwas zu verkürzen.

Was mir grundsätzlich an Dingen den Spaß verderben kann, ist Druck von außen. Druck machte und mache ich mir selbst genug, da muss ich nicht auch noch von anderen geschubst und bedrängt werden. Das war damals und ist auch heute noch so.
Frau Groß wollte mich aber regelmäßig auf Konzerte schleppen, dort vorspielen und gegen Schüler anderer Musikschulen antreten lassen. Als ich mit der Grundschule fertig war, sollte ich doch unbedingt auf ein Gymnasium mit Musikzweig (besser noch ein Internat!) gehen. Die Dame begriff nicht, dass ich weder Lust auf Wettkampf, noch auf Sopranflötenkarriere hatte und dass mir der ganze Zinnober zu viel war.

Dass ich nicht mehr Flöte spielen und keinen Unterricht mehr nehmen wollte, war ein sich langsam festigender Entschluss, den ich über längere Zeit immer wieder an meine Eltern herantragen musste, bis ich tatsächlich aussteigen konnte. Meine Flötenlehrerin, genau wie meine Musiklehrer später am Gymnasium (ein naturwissenschaftlich/neusprachliches!) und auch meine Eltern, sahen vermutlich einfach, dass ich wirklich richtig gut war und wollten nicht, dass ich aus vermeintlich jugendlicher Unlust heraus etwas Wertvolles hinwerfe. Meine Mutter hatte immer ein Instrument lernen wollen, aber für sie gab es weder die Ressourcen, noch die elterliche Unterstützung. Die hatte ich und dafür bin ich dankbar. Aber wenn dein Pferd tot ist, musst du absteigen und mein Blockflötenross war definitiv lange nicht mehr am Leben, als ich endlich von seinem Rücken sprang und die Sopranflöte ein letztes Mal in ihre Samtschatulle legte.

Marissa hat offensichtlich genau wie ich eine Mutter, die sie fördert und umsorgt. (Siehe Zuckergussblätterteigteilchen!) Ich hoffe, dass sie Freude hat am Blockflötenunterricht und, sollte es einmal nicht mehr so sein, mit ihren Eltern darüber sprechen und aufhören kann. Wie ich. Oder, anders als ich, eine kick-ass Sopranflötensolistin wird.

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