Sonntag, 29. Mai 2016

... just snapchatting away

Dass es snapchat gibt, weiß ich seit einem guten Jahr – schon alleine damit war ich vermutlich mehr als late to the party. Das ist dieses Messaging-Dings, wo man auf Fotos so Balken macht, auf denen Text steht. (Wie gesagt, ich wusste, dass es snapchat gibt, aber nicht, was es ist, tut oder kann.) Das ist jetzt jedenfalls ein Jahr her und seitdem ist einiges passiert. [Bevor es losgeht: Ihr könnt mir auf snapchat folgen, wer hätte das gedacht. Username: marylebow #obvsly.] So, zurück zum Anfang.

Voller Überzeugung, für snapchat zu alt zu sein, habe ich den Zirkus innerlich mit den Augen rollend ignoriert und mich weiterhin auf mein beschaulich, reinliches instagram-Gärtchen konzentriert, Rasen mit der Nagelschere gekürzt und Laub vom Blumenbeet gesammelt. Obwohl ich mich wunderbar wohlfühlte in meinem Garten, verriet mir der Blick über den Zaun und auf die Straße jedoch, dass dieses snapchat keine flüchtige Laune war und nicht morgen der Scheiss von gestern sein würde, sondern gekommen war, um zu bleiben, alle magnetisch anzog und instagram starr, oll und gestrig aussehen ließ.

Beflügelt von Wochenendstimmung lud ich an einem Freitagabend dann also snapchat runter und legte los. Ganz so agil, wie das jetzt vielleicht klingt, lief es aber nicht ab. Falls ihr euch ein energiegeladenes, neugieriges Kind vorstellt, das auf seinen neuen High-End-Roller springt und voller Erwartung blaa, … nein. Eher die Oma mit Arthritis in den Fingern, die versucht auf dem Touch-Telefon die richtigen Knöpfe zu erwischen.
Was Technologie betrifft, würde ich mich generell als offen, neugierig und lernfähig beschreiben: Ich probiere Dinge gerne aus und habe keine Angst. Man kann schließlich nichts kaputt oder grundlegend falsch machen. Bei snapchat fühlte ich mich aber erstmal wie eine Katze, die in den Kalender guckt und rausfinden soll, ob der 3. August dieses Jahr auf einen Dienstag fällt. Dass ich orientierungs- und ratlos war, verärgerte mich und schürte meinen Ehrgeiz. Also guckte ich ein YouTube-Video, das mir erklärte, was die Story ist, wie man chattet und wieso ich vor lauter rauf-, runter- und rüber swipen bisher kein einziges Mal „mein Profil“ oder irgendeine Art „Zuhause“ in der App gefunden hatte. Snapchat wirft einen in das rein, was man tun soll: snappen. Öffnet man die App, öffnet sich die Kamera. Zack, snap, Filter, Emoji, go! Reingeworfen werden zwingt einen, einfach mal zu machen und lässt einen schnell das Gefühl verlieren, der Social Media Dinosaurier zu sein, bis es schließlich wirklich Spaß bringt.

Hauptgrund für den hohen Unterhaltungswert von snapchat: Es nimmt sich nicht ernst. Es sieht auch irgendwie trashig aus – dieses wabbelig tanzende Gespenst? Die Farben? Dieser QR-Code Avatar? What? – und spätestens, wenn man seinem Selfie den Katzenfilter aufgesetzt, sich mit Emojis versehen und krakelig #yolo auf das Foto gezittert hat, wird auch offensichtlich, wie trashig der eigenen Content ist, den man ungeniert in seine Story postet.
Das macht auch den erfrischend angenehmen Unterschied zu instagram aus: Die unverhohlene Akzeptanz des Unästhetischen. Während ich auf instagram mein sorgfältig symmetrisch bepflanztes Blumenbeet pflege, stehe ich bei snapchat vor einer riesigen weißen Leinwand, auf die ich ungehemmt alles werfen kann, was mir gerade in die Hände fällt. Seinen Unterschied und anderen Zweck scheint instagram auch (bewusst?) immer mehr herauszuarbeiten: Mit jedem Update wird die App noch glatter, polierter, unverspielter, was wiederum den Anspruch stellt, ein mindestens ebenso schniekes und makelloses Foto in den Feed zu schicken, während ich mich auf snapchat durch Farbe rolle, um auf besagter Leinwand einen Schneeengel zu machen, der ein Hundehäufchen auf dem Kopf trägt. Im übertragenen Sinne. Ya feel me? 💩

Content auf snapchat ist nur eine begrenzte Zeit sichtbar: In der Story 24h und was man in Chats an Freunde schickt, erlaubt eine erneute Ansicht, bevor die Nachricht weg ist. Dadurch ergibt sich keine Chronologie geteilter Momente, keine tagebuchartige Timeline wie bei instagram. Etwas ist da und kurze Zeit darauf wieder weg. Wenn man es verpasst hat, Pech, gleichzeitig aber auch egal, denn mittlerweile ist wieder etwas anderes relevant. Für Nostalgiker und Rückwärtsgewandte ist snapchat daher wohl noch gewöhnungsbedürftiger als für alle, die sich nur zu alt und zu langsam dafür fühlen. Und wer wirklich absolut gar nichts verpassen will oder gehen lassen kann, der muss snapchat eben regelmäßiger checken und von allem Erinnerungswürdigen einen Screenshot machen.
Die Flüchtigkeit und kurze Sichtbarkeit der Inhalte lässt einen zusätzlich unbeschwert mit dem umgehen, was man wie teilt. Nach 24h ist ohnehin alles weg, ob nun glorreicher Super-Snap oder trashigstes Hündchen-Selfie.

Eigentlich war es gar nicht meine Absicht, snapchat mit instagram zu vergleichen. Das passierte jetzt einfach so, weil ich die beiden Netzwerke (neben Twitter) am meisten benutze und sie Foto- bzw. Video-basiert sind. Sie direkt nebeneinanderzustellen, wird ihnen nicht gerecht. Für beides gibt es den richtigen Moment, das stelle ich in meinem Nutzungsverhalten zumindest fest. Was ich an snapchat im Besonderen mag, ist die Verspieltheit, das Unernsthafte, und die Endlosigkeit der Möglichkeiten: man kann ein paar snaps aneinanderreihen oder sehr einfach eine richtige, riesige Geschichte erzählen. Story … merkste selber.
Am allerwichtigsten aber: Es gibt (noch weniger als in anderen Netzwerken) ein richtig oder falsch. Du bekommst einfach ein paar witzige Tools an die Hand und wirst vor besagte weiße Leinwand gestellt. Was Du draus machst, liegt an Dir.

Was mich an snapchat vermutlich einfach verblüfft hat – und Vorsicht, jetzt kommt die Klischee-Keule: Ich werde älter. Und das fällt mir noch nicht einmal wirklich auf. Seit ungefähr zehn Jahren fühle ich mich in etwa gleich „jung“ und alle gleichaltrigen und älteren Menschen sind in meinen Augen auch nicht älter geworden. Wenn mir dann aber ein Dreizehnjähriger auf YouTube erklären muss, wie ein Messaging-Dienst funktioniert, bin ich zwar immer noch blind für mein eigenes Altern, bemerke aber erstmals, wie „erwachsen“ alle nach meiner Generation kommenden jungen Menschen schon sind. Jemand der 2003 zur Welt kam, ist meinem Gefühl nach noch irgendwo zwischen Windeln und Kindergarten, nicht aber auf YouTube der Snapchat-Erklärer für Mitte Zwanzigjährige. Wir können was lernen von Menschen, die über ein Jahrzehnt jünger sind als wir. Für die Generation meiner Eltern ist das vermutlich seit langer Zeit schon eine Normalität, an die sie sich gewöhnt haben. Für mich, so blöd das klingt, wurde das erst mit derlei snapchat-Erfahrungen zu einer Wahrheit. Ist das ein Mittzwanziger-Phänomen und eine weitere Stufe des Heranwachsens? Festzustellen, dass man nicht mehr der/die Jüngste im Raum ist? Vielleicht, ich weiß es nicht. Ein High-Five jedenfalls an alle, die da nach der Jahrtausendwende zu uns gestoßen sind und ich bin gespannt und freue mich auf das, was ihr uns beibringen werdet. 🙌🏻

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