Samstag, 25. Juni 2016

Grün³ − Entspannen auf dem Friedhof 💁🏻

Der Sommer stimmt mich stets nachdenklich und leicht melancholisch. Meine Gemütslage ist dabei so fein nuanciert wie der Sommer und sein Wetter selbst. Nicht dass ich launisch wäre − meine Sinne sind im Sommer nur noch viel feiner: Ich nehme so viel war, spüre, sehe, rieche, höre mehr, erinnere mich zurück. Sengende Hitze, Schwüle, Sommergewitter, plötzliche Kälte, Dauerregen. Diese Jahreszeit kann so viel und gibt einem selbst auch so viele Chancen, alleine durch die langen Tage und ihr Licht. Das macht mich unruhig zum einen und ich will plötzlich aufbrechen und neue Orte sehen, reisen, weg, nach Kanada in den tiefsten Wald, an die englische Küste, das Meer und praktisch verschwinden.
Dann wieder – gerade wenn es heiß ist –, will ich einfach sein, wo ich bin, in den Garten im Hinterhof gehen, auf der Bank an der Hauswand sitzen, die Füße ins Gras strecken und hoch in die Baumkronen gucken. Am schönsten ist: Durch die Feinfühligkeit spüre und sehe ich Dinge ganz klar. Auch mich. Dann erkenne ich mich selbst sehr deutlich in dem Menschen, der ich anscheinend bin und das macht mich zufrieden.

Wenn mich der Drang packt, loszuziehen und Neues zu sehen, spielt der Sommer seinen Leichtigkeitstrumpf: Sehr früh wird es hell, spät dunkel, dazwischen so viel Licht wie im Winter gefühlt eine Woche lang nicht. Lange Tage, Wärme, das Grün, der Duft von Leben in der Luft geben Mut und das Gefühl, etwas entdecken zu können, solange man nur losgeht.
Vielleicht ist ein Friedhof nicht die erste Idee für eine Entdeckungstour, aber wenn man weder Hitze noch Menschen sonderlich gut vertragen kann und (speziell im Sommer) Abstand, Ruhe und Rückzug braucht, sind Friedhöfe eine besonders gute Idee, denn: Ähnlich wie Parks und andere Grünanlagen, sind auch Friedhöfen gepflegt, grün und bieten Schatten, haben aber den Vorteil, dass sie weder von kreischenden Kindern, noch von halbnackten Sonnenanbetern oder Sporty Spices beim Federballspielen bevölkert sind. Auch um die Hobby-Griller kommt man rum. Natürlich würde ich auf dem Friedhof jetzt nicht mein Badetuch ausbreiten und mich im Bikini unter einen Baum legen, aber wenn man in der Stadt das Gefühl haben möchte, alleine in einem sehr großen und ruhigen Garten zu sein, ist der schattige Platz auf einer Bank dort der richtige Ort.

Wunderschön ist zum Beispiel der Friedhof der St.-Thomas-Gemeinde. Auf der Hermannstraße wütet noch Neukölln − hinter dem großen Tor und dem schmiedeeisernen Zaun ist es still, schattig, kühl und ruhig. Im hinteren Teil gibt es Rasenflächen unter hohen Bäumen. Hier würde ich sogar tatsächlich eine Decke ausbreiten und mich (voll bekleidet allerdings) mit einem Buch in den Schatten legen. [Randnotiz: Die Friedhofsordnung habe ich nicht gelesen.🙌🏻]




Der Dreifaltigkeitsfiredhof in der Bergmannstraße ist etwas gedrängter, verwinkelter und hügeliger. Flächige Wiesen gibt es hier keine aber ruhige Bänke unter schattigen Bäumen − eine davon am hinteren Ende nahe der Friedhofsmauer, an der sich die Mausoleen aneinander reihen.



Auf dem Friedhof abzuhängen ist jetzt vielleicht nicht für jeden was. Wenn mir der Tiergarten aber zu weit weg und der Kanal zu stark bevölkert ist, wird ein Friedhof zur perfekten Entspannungslocation.
Nicht zuletzt, weil dort eine meiner liebsten Regeln gilt:
Flüstern oder Klappe halten.

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