Samstag, 23. Juli 2016

Konferenzen besuchen als Intro: 6 Tipps 🐭

Durch meine Arbeit bin ich in der sehr glĂŒcklichen Situation, regelmĂ€ĂŸig zu Konferenzen, Events und Festivals gehen zu dĂŒrfen. Wer sich ebenfalls zu den „Intros“ und vielleicht sogar HSPs zĂ€hlt, weiß aber, dass diese drei Dinge (Konferenzen, Events und Festivals) in der Liste der Dinge, die einem die Kehle zuschnĂŒren und einen kalten Schauer ĂŒber den RĂŒcken jagen, ganz weit oben stehen. Dort sind sie in der Gesellschaft von kleinen bis großen Happenings, die von „casual get together“ bis „fette Geburtstagsparty“ reichen. (Viele) Menschen auf begrenztem Raum machen mir keinen Spaß, sondern Panik. DarĂŒber bin ich nicht erschĂŒttert oder traurig. Ich bin eben so. Dennoch spĂŒre ich, dass in der ein oder anderen Veranstaltung spannendes Wissen begraben liegt, das mich brennend interessiert, mir aber verwehrt zu bleiben scheint, weil ich viel lieber in meinem eigenen Kopf lebe, als draußen in der Welt. (Auch gibt es Situationen, in denen ich von Arbeitswegen einfach wollen muss.) Ich versuche also stets an mir zu arbeiten und nach meinem Maßstab Neues auszuprobieren, ohne mich unter Druck zu setzen. Denn ich will nicht verĂ€ndern, wer ich bin, sondern erweitern, was ich kann.
In den vergangenen zwölf Monaten war ich bei sechs oder sieben kleineren bis ziemlich großen Events und ich stelle schon fest, dass ich immer besser zurecht komme. Mir helfen dabei ein paar Dinge, die ich an der Stelle gerne teilen möchte. Meine Intro-Tipps fĂŒr Klein- und Großveranstaltungen sozusagen.

re:publica 2016, Berlin

[Bevor ich einsteige, vielleicht ein paar erklĂ€rende SĂ€tze fĂŒr all diejenigen, die nicht wissen, wovon ich rede, wissentlich oder unwissentlich Extros sind und sich in das Intro-Ding nicht reinfĂŒhlen können oder, oder, oder:
Mit (vielen) Menschen zu sein und zu interagieren, strengt mich an und macht mich leer. Meine Energie ziehe ich aus Alleinzeit. Das heißt nicht, dass ich immer und ausschließlich alleine sein möchte und niemals nie jemanden treffen oder mit Menschen zu tun haben will. Vielmehr brauche ich Interaktion und Geselligkeit in kleinen, ĂŒberschaubaren, begrenzten Portionen, die mich nicht ĂŒberfordern oder ĂŒberreizen. Ich gehe gerne intensiv auf Menschen ein, gehe also lieber in die Tiefe, statt in die Breite. Das mache ich nicht nur mit Menschen, sondern auch mit allen möglichen Themen, die mich beschĂ€ftigen. Es gibt auch Menschen, mit denen ist es sehr einfach fĂŒr mich, die saugen nicht so an mir. Mit denen kann ich sein, wie alleine, nur besser. Falls das Sinn ergibt. Auf Phasen mit Menschen muss dann jedenfalls wieder Zeit fĂŒr mich folgen, sonst bekomme ich keine Balance und das Energielevel rauscht in den Keller und nimmt mein alltĂ€gliches GlĂŒcksgefĂŒhl mit. Das mag nun klingen, also wĂŒrde dieses Charaktereigenschaft mich einschrĂ€nken wie ein gebrochenes Bein. Das tut sie manchmal, aber nicht massiv, denn ich kenne mich und gestaltet mein Leben so gut ich kann nach meinen eigenen Vorstellungen und WĂŒnschen. Wie jeder das tut. Es gibt verzwickte Situationen, ja, in denen man auch mal ordentlich Gegenwind bekommen kann, der aus dem UnverstĂ€ndnis anderer entsteht. Aber wer gefestigt ist, hĂ€lt dem Stand. Und wer es nicht ist, kann es lernen. Warum man nicht bei jeder Fete dabei ist und sich, geht man dann mal hin, immer lieber frĂŒher verabschiedet, wird nicht jeder nachvollziehen oder wertschĂ€tzen können. Aber das macht nichts. Ich kann damit leben, wenn mich nicht jeder versteht, geschweigedenn mag.
Um zu besagten Events und Konferenzen zurĂŒckzukommen: Diese verkörpern in Konzentration all das, was mich anstrengt: Ein begrenzter Raum, viele Menschen, man ist nie alleine oder komplett fĂŒr sich, die Informationsflut ist enorm und man ist unendlich vielen Reizen ausgesetzt. Zwischen all dem liegt auch sehr viel Positives begraben, das ich gerne zutage befördern möchte. All dem konsequent fernzubleiben, ist also keine Lösung. Hingehen und gewappnet sein aber schon. Daher besagte Tipps.]

_Vorbereitung
Gute Vorbereitung und Organisation ist von zentraler Bedeutung. Was ich im Vorfeld an Unsicherheiten beiseite rĂ€umen und klĂ€ren kann, bietet mir Sicherheit und das GefĂŒhl, die Situation im Blick zu haben.
Bei Konferenzen wĂŒrde das also bedeuten, mir das Programm genau anzusehen, mir zu ĂŒberlegen, zu welchen Talks und Workshops ich gehen möchte und welche Alternativen es gibt, falls ich irgendwo nicht mehr reinkomme. Den Plan mache ich mir entweder auf einem Blatt Papier selbst, markiere sie im gedruckten Programm oder erstelle mir einen Timetable auf dem iPhone, falls es z.B. eine App zu der Veranstaltung gibt.
Am Abend bevor es losgeht, packe ich außerdem schon meinen Rucksack fĂŒr den nĂ€chsten Tag. Immer Rucksack, damit die HĂ€nde frei sind. Auch das gibt das GefĂŒhl, buchstĂ€blich alles im Griff zu haben oder bekommen zu können. Habe ich mein Ticket, was zu schreiben, sonstige wichtige Unterlagen, meine Kalender, Kaugummis ... you get the jist.

_Snacks
Das ist nun vielleicht einerseits so eine Eigenheit der sich vegan ErnĂ€hrenden („Wird es dort was fĂŒr mich zu essen geben?“), andererseits habe ich aber einfach gerne mein eigenes Essen dabei. Ausreichend Futter und FlĂŒssigkeit bereite ich daher ebenfalls am Vorabend schon vor. Am liebsten Snacks (Obst, Smoothiem, Stulle), die man auch zwischen zwei VortrĂ€gen essen kann. Zum einen ist man dann weder auf Essensangebot, noch auf das Timing angewiesen. Wenn man außerdem ungern mit vielen Menschen am Buffet stehen und dann beim Essen plaudern möchte, ist der mitgebrachte Snack die Rettung. Wer natĂŒrlich Lust hat auf einen gemeinschaftlichen Lunch, yay you! aber fĂŒr wen das nichts ist, der geht mit Proviant auf Nummer Sicher und ĂŒbernimmt die Kontrolle ĂŒber einen weiteren Punkt, auf den man nur scheinbar keinen Einfluss hat.

_Kleidung
Am sichersten fĂŒhlt man sich in Klamotten, die man mag. Die Sachen, in denen man nur theoretisch gut aussieht, sich aber nicht wohlfĂŒhlt (sollte man gar nicht erst in seinem Schrank haben) und auf jeden Fall nicht anziehen, wenn man in die Höhle des Löwen muss. Ich habe es am liebsten bequem und maintainance-free und lege mir die Sachen auch am Vorabend schon raus. (Ja, wirklich.) Ihr erkennt das Muster: Das Bestreben, Unsicherheitsfaktoren aus dem Weg zu rĂ€umen, indem man sich Kontrolle ĂŒber die kleinen Dinge verschafft, ist zentral.
Damit sind wir auch beim Thema Garderobe: Wenn es eine solche gibt, gebt dort nichts ab. Zu Stoßzeiten (oder auf jeden Fall genau dann, wenn ihr eure verdammte Jacke wollt), ist dort eine Schlange und ihr könnt nicht weg. Wenn ihr außerdem mal das GefĂŒhl bekommt, alles wird zu viel und ihr wollt raus oder gar weg, dann ist es besser, nicht noch irgendwo anstehen zu mĂŒssen. Ich habe meine Sachen aus dem Grund immer gern bei mir. Nur das Wissen, von jetzt auf gleich einfach gehen zu können, macht mich schon sehr ruhig, sodass ich in 95% der FĂ€lle gar nicht erst das GefĂŒhl bekomme weg zu wollen. 🙂

_Buch/Kindle
Auf sein Handy glotzt bei derlei Events ohnehin jeder non-stop. Wenn man also abtauchen möchte, tut man einfach das. Ich wette, dass 90% der Leute einfach aus genau diesem Grund ihr Smartphone in der Hand halten. Abtauchen und beschĂ€ftigt wirken, um nicht verloren rumstehen zu mĂŒssen. (Auch der Gedanke hilft ein bisschen. Man ist nicht alleine.) Dennoch: Ein Buch suggeriert meines Erachtens nach glaubhafter, dass man beschĂ€ftigt ist und gibt zudem die Möglichkeit, tatsĂ€chlich fĂŒr ein paar Minuten mental eine andere Welt zu betreten.
FĂŒhlt man sich gewappnet fĂŒr Socialicing und lockere GesprĂ€che, wieder: yay you! aber wenn nicht, dann kann man den Kopf eine Weile dezent zwischen die Seiten stecken.

_apropos Socializing...
Mitunter Ziel von Konferenzen ist es, Menschen zu treffen und Kontakte zu knĂŒpfen. Wenn schon die bereits angesprochene Kombination aus vielen Menschen auf engem Raum Grund fĂŒr Atemnot ist, scheint es unmöglich, nun auch noch auf fremde Leute zuzugehen und ins GesprĂ€ch zu kommen. Aber auch das kann man lernen. Wieder sollte man sich nicht unter Druck setzen. Am besten hĂ€lt man Ausschau nach Menschen, die vielleicht etwas verloren und desorientiert wirken – oftmals sind die es, denen eine Kontaktaufnahme Ă€hnlich schwer fĂ€llt. Der/die Sitznachbar/in ist auch immer ein guter Ausgangspunkt, oder der-/diejenige vor oder hinter einem in einer Schlange. Wer in GesprĂ€chen lieber in die Tiefe geht und Small-Talk verabscheut, dem sind solche Situationen ein Graus, ja, aber manchmal muss es sein. Ich habe gelernt, oberflĂ€chliche GesprĂ€che zu fĂŒhren, wenn es darum geht, Leute kennenzulernen und ĂŒbe gleichzeitig etwas, das ich spielerisch investigativen Journalismus nenne: Mit wenigen Fragen möglichst viel herausfinden. Jeder Mensch ist in irgendeiner Weise interessant und (fast) jeder redet gerne ĂŒber sich selbst. Letztendlich kann man „auf Menschen zugehen“ ĂŒben. Mit jedem mal wird es einfacher. Das heißt natĂŒrlich nicht, dass man Small-Talk plötzlich total genießen wird, sondern einfach, dass man ihn fĂŒhren kann, wenn die Situation es denn erfordert.
Und wieder: Kein Druck. Wenn es nicht geht oder klappt, egal. Move on. Beim nÀchsten Mal.

_Exit-Strategie
Zur Vorbereitung und Planung gehört natĂŒrlich auch immer die Frage, wie man zu der Veranstaltung kommt. Da alles, was ich im letzten Jahr besucht habe, in Berlin stattfand, war ich nie auf lange Reisen angewiesen, sondern konnte das Rad nehmen. Mein Fahrrad ist immer und besonders in derlei Situationen ein wichtiger VerbĂŒndeter. Lieber radle ich 45Minuten quer durch die Stadt, als fĂŒr ein bisschen Zeitersparnis die öffentlichen Verkehrsmittel zu nehmen. Das hat mehrere GrĂŒnde, der wichtigste ist aber, dass ich unabhĂ€ngig sein möchte. Auf dem Fahrradsattel ist mein safe place. Sobald ich auf dem Rad sitze, ist alles gut, denn selbst wenn ich mit der U-Bahn schneller am Ziel wĂ€re, so habe ich mit dem Rad doch viel eher das GefĂŒhl, dass der Weg schon das Ziel ist. Ich muss nicht erst bis ganz nach Hause kommen, um mich sicher zu fĂŒhlen. Schon wenn ich das Fahrradschloss aufschließe, werde ich ruhiger… Wenn ich erst noch auf eine Bahn warten muss, komme ich nicht vom Fleck und im Wagon/Bus bin ich dann ja wieder unter Menschen, wo ich doch eigentlich nur alleine sein will. Das Fahrrad, sag ich euch, ist ein echter VerbĂŒndeter!

Solltet ihr die Möglichkeit mit dem Rad nicht haben, macht euch schlau, wie man dorthin und wieder wegkommt. Wenn man latente Panik aufkommen spĂŒrt, ist wenig schwerer, als sich in unbekannter Umgebung orientieren oder die nĂ€chste U-Bahn-Station finden zu mĂŒssen. Genau in den Momenten hat man dann nĂ€mlich auch keine Daten mehr und GoogleMaps tut nicht was es soll etc. etc. „Wie komme ich hin, wie wieder weg?”, „Kann ich jemanden anrufen/kann mich jemand abholen kommen, wenn ich eine Panickattacke habe?“ etc. sind also Fragen, die man am besten schon am Vorabend klĂ€rt.

Auch wenn diese Liste an Tipps und „Vorkehrungen“ den Eindruck erwecken mag, dass ein Konferenzbesuch fĂŒr mich kein Genuss, sondern ein Spießrutenlauf ist, so ist doch das Gegenteil der Fall: Wenn ich gut vorbereitet bin und ein paar Details bedenke, kann ich mich tatsĂ€chlich auf (kleine und) große Veranstaltungen freuen, sie genießen und etwas daraus mitnehmen, ohne dass mir nur bei dem Gedanken daran schon der eingangs erwĂ€hnte kalte Schauer ĂŒber den RĂŒcken lĂ€uft oder ich Reißaus nehmen möchte.

Wie schon gesagt: Man kann so viel lernen und immer an sich arbeiten. Solange man sich nicht unter Druck setzt oder zwingt und dabei vergisst, auf sich Acht zu geben, kann nur Gutes dabei rauskommen!

Viel Spaß also und sorgt gut fĂŒr euch!

1 Kommentar:

  1. Schön, dass du das teilst!! Gerade mit solchen Veranstaltungen habe ich auch so meine Probleme. Vor allem, weil es beruflich erwartet wird, bei solchen Events zu networken (ich finde dieses Wort ganz schrecklich). Dadurch bekommt alles den Charakter von MĂŒssen statt Können.
    Vorbereitung kann tatsÀchlich sehr helfen :)

    Liebe GrĂŒĂŸe, Anna

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