Samstag, 3. September 2016

Self-Care

[...] this world is never stopping for me / But I will try and I will keep on trying.
Amy Macdonald No Roots
Die letzte Zeit war anstrengend. Ich stecke viel weg, aber halte nicht alles aus. Das finde ich gut so. Endlos belastbar zu sein ist für mich nicht erstrebenswert. Denn wenn ich alles „aushalte“, bin ich taub geworden. Ich mag diesbezüglich besonders empfindsam sein, aber auch das finde ich gut so. Ich will nicht erst an die Belastungsgrenze kommen, bevor ich nein sage und mich um mich selbst kümmere.
Selbstfürsorge bedeutet wahrscheinlich für jeden etwas anderes. Für mich beginnt sie mit Nachsicht mir selbst gegenüber. Be kind to yourself. Ich kann nicht perfekt sein, kann nicht alles schaffen, an alles denken, heute schon die Lösung für ein Problem haben, das eventuell, vielleicht, möglicherweise in drei Wochen auftritt. So arbeitet mein Kopf aber und das ist der Anspruch, den ich an mich stelle. Eine Messlatte, die immer ein Stück höher rutscht, sobald ich fast, beinahe im Begriff bin sie zu erreichen. Auf die Bremse zu steigen, mir wirklich erst in drei Wochen über besagtes Vielleicht-Problem Gedanken zu machen und Dinge einfach nur fertig, statt perfekt zu machen, musste ich erst lernen. Und ich lerne immer noch. Es gibt ein sehr nützliches Wort, das einem in dem Zusammenhang ein riesiges Stück weiterhelfen kann: Nein. Das ist oft die Antwort, welche ich (im ersten Schritt) Aufgaben und Pflichten gebe, die von außen auf mich nieder regnen; einfach nur, um mir Raum (zum Atmen) zu schaffen und mich abzugrenzen. Das gibt mir überhaupt erst die Möglichkeit, die Dinge anzugehen. Wenn ich also die vollgepackte Mail-Inbox des Todes habe, gehe ich erstmal ein paar Schritte in die andere Richtung davon, statt mich sofort manisch ans Werk zu machen. Ein sanftes, vorübergehendes Nein also und einen Moment für mich, den ich mir vorstelle wie ein Vakuum. In diesem Moment versuche ich an nichts zu denken, oder auf jeden Fall nicht an das, was dringend erledigt werden will. Nach einer Weile kann ich dann zurückkehren und die Dinge tatsächlich anpacken, aus dem Nein ein „Gut, ok, aber zu meinen Bedingungen.“ machen.
Nein ist ein sehr wichtiges und machtvolles Wort im Zusammenhang mit Selbstfürsorge. In den meisten Fällen sage ich es zu mir selbst, wenn ich mir zum Beispiel aufzähle, was ich alles „muss“. Auf Sätze, die mit „du musst“ anfangen, ist ein freundliches, aber entschiedenes „nein.“ ohnehin meist die beste Antwort.
Nachsicht, Güte, Menschlichkeit mir selbst gegenüber. Der Versuch, die eigene Geisteshaltung zu verändern. Damit fängt es an, das liegt allem zugrunde und durchwirkt, was für mich danach kommt: Wie ich mich entscheide, meine freie Zeit zu verbringen. Ob es nun die nach der Arbeit oder am Wochenende ist. Für Selbstfürsorge braucht man kein Zeitbudget von einer Woche, keinen ganzen Urlaub. Man kann schon mit zehn Minuten anfangen. Wie ich eingangs schon sagte; Selbstfürsorge beutetet sicher für jeden etwas anderes. Was mir hilft, können Vorschläge und Anregungen sein. Was dir hilft, kannst nur du rausfinden.

* * *

(1) Rausgehen, Radfahren ... oder so.

Selten bin ich so im Moment wie beim Fahrrad fahren. Bewegung tut gut, da kann man Gedanken sortieren und so weiter, ja, wissen wir alles. Aber Radfahren ist eine so ganz andere, besondere Bewegung. Beim Laufen verheddere ich mich manchmal mental, kreise gedanklich etwas ein, gehe darin verloren oder steigere mich hinein. Radfahren hingegen ist alleine schon ein so harmonischer Bewegungsablauf. Gleichförmig und sanft. Gedanken habe ich beim Radeln auch, aber sie fließen ebenso friedlich dahin wie man mit dem Rad über den Boden gleitet. Ich kann Dinge dann eher hinter mir zurücklassen, als vor ihnen davon zu hetzen. Dann bin ich richtig bei mir und ja, im Moment. Radfahren macht mich sehr glücklich. Very recommend.

(2) Schreiben

Wenn ich über einen längeren Zeitraum hin nichts schreibe, verliere ich das Gefühl dafür, wie es mir eigentlich geht und was ich denke. Das zeigt sich nicht sofort oder massiv, sondern manifestiert sich schleichend. Meist merke ich irgendwann, dass ich keine Fokus mehr finde, mein innerer Blick und meine Gedanken irgendwie über alles tanzen, nichts aber richtig ins Auge fassen. Gleichzeitig fühle ich mich, wie auf einer Suche, die nicht endet. Wonach weiß ich nicht, aber es ist eine Unruhe und Getriebenheit. Für mich immer ein Zeichen dafür, dass ich gerade keinen Fixpunkt habe und zu mir kommen muss. Am besten kann ich das beim Schreiben. Lesen und Schreiben. Wenn ich viel lese, muss ich auch schreiben. Wenn ich viel erlebe, muss ich schreiben und wenn ich nichts erlebe und alles gleich scheint, muss ich erst recht schreiben. Was ich sagen will: Ich muss die Richtung von Information und Inspiration regelmäßig umkehren. Es kann nicht immer nur was in meinen Kopf, es muss auch mindestens genauso viel wieder raus, sonst kann ich mich gedanklich auf nichts richtig einlassen. Erst letzte Woche habe ich in einem Interview mit Tavi Gevinson auf DAZED etwas gelesen, was mir das Gefühl gab, damit nicht alleine zu sein. Sie beschreibt es sehr treffend:

If there is something that strikes me as interesting or beautiful or something I could learn from and I don’t write it down, then I could be at lunch with you and it’s like there’s a pile of laundry in my brain that I haven’t put away and I struggle to really listen, so that’s always been important to me. A lot of it I haven’t shared, and I like the idea, long-term, of collecting all this stuff I’ve been doing for myself.
Tavi Gevinson in DAZED August, 12th
Amen, sister.

(2) Musik

Beinahe hätte ich jetzt mit „In meiner Jugend…“ eingeleitet. Aber es tatsächlich so: Mit 14 etwa habe ich angefangen, Lieder und ganze Alben zu visualisieren: Ich habe Lyrics aufgeschrieben, dazu gezeichnet, gemalt, Collagen gebastelt und dadurch neue Ebenen in der Musik entdeckt, auf die ich einfach nur durch das Anhören gar nicht gelangt wäre. Das ist wie eine Reise in den eigenen Kopf. Der ist nämlich wie der großer Speicher in einem alten Haus, in dem sich allerlei Dinge sammeln, von denen man nicht mehr weiß, das sie dort liegen, einfach weil man nie die paar Stufen nach oben steigt, um mal wirklich intensiv nachzusehen. Es gibt Musik, die dringt sehr tief ein und holt eine Menge an die Oberfläche. Das ist erhellend wie reinigend und gehört definitiv zu meinen Go-To-Self-Care-Maßnahmen.


(3) Essen

Dass sich zu ernähren alleine schon ein Akt der Selbstfürsorge ist, wird leicht vergessen. Weil Essen oftmals wie eine Belastung, eine weitere Aufgabe auf einer Liste daherkommt. Man muss einkaufen dafür, etwas zubereiten, sich hinsetzen, essen … oder essen gehen, Geld dafür ausgeben etc. Für mich ist aber alleine schon die Überlegung, was ich wann wie kochen könnte, wie Therapie. Das Einkaufen und Kochen erst recht. Vom Essen ganz zu schweigen.

(4) Aufräumen

Die Perfektionistin in mir mag es aufgeräumt. Genauso die Hochsensible. Sie fühlt sich überfordert und überreizt von Unordnung und Krempel. Wenn in meinem Kopf schon alles durcheinander fällt und ich gedanklich nicht zur Ruhe komme, muss ich bei meiner Umgebung mit dem Sortieren anfangen. Das beruhigt. Nicht nur, weil „getting shit done“ gleichermaßen ergebnisreich wie therapeutisch ist. Aufräumen ist ein bisschen wie häusliche Hygiene, finde ich. Und die gehört zur Selbstfürsorge. Genau wie ein Bad oder eine lange Dusche. Eine Umgebung schaffen, in der ich mich wohl fühle, heißt für mich sorgen.

(6) creating something

So sehr ich ständig hungrig bin, sehen will, hören, lesen, … so sehr strengt es auch an und überfordert. Zudem muss die Balance stimmen, es muss ein Fluss sein, ein Kreislauf, es kann nicht immer nur in eine Richtung gehen. Was rein geht, muss auch wieder raus, das habe ich schon beim Punkto Schreiben angerissen.
„Creating“ – und hier fehlt im Deutschen ein passendes Wort finde ich, eines das nicht pathetisch und selbstverherrlichend klingt – das jedenfalls kann viele Formen haben und muss nicht unbedingt Schreiben, Zeichnen, Backen (!) sein. Ich habe viele Gedanken, immer. Und die wollen raus, auf irgendeine Weise. Wenn ich sie nicht lasse, sondern immer nur konsumiere und aufnehme, kann ich irgendwann nicht mehr klar denken, weil mir die Referenzpunkte fehlen und ich nicht mehr weiß, wo ich selbst stehe … falls das denn außerhalb meines eigenen Kopfs Sinn ergibt. Das „Erschaffen“ von etwas jedenfalls – und da ist er jetzt, der Pathos –, ist ein sehr therapeutischer Akt. #selfcare

* * *

Es ist Spätnachmittag an einem Augustsonntag. Die Hitze ebbt gerade etwas ab und der Himmel ist von violettem Dunst überzogen. Ein Gewitter schickt seine Boten voraus. Ich habe gerade mein Zimmer und die Wohnung aufgeräumt, damit ich morgen in jeder Hinsicht geordnet die neue Woche beginnen kann. Amy Macdonald singt. Ihr Album A Curious Thing erinnert mich an eine sehr besondere, aufregende und wundervolle Zeit. Und an einen Sommer in West Somerset. Amy macht immer, dass es mir gut geht und ruft mir ins Bewusstsein, dass alles, was ich brauche, damit es mir gut geht, in mir selbst liegt.
Ich bin sehr froh darüber zu wissen, wie ich mich am besten um mich selbst kümmern kann. Dadurch kann ich mich auch um andere Menschen und Dinge kümmern. Und leben. Oft sogar im Moment.

I am the light in the dark, I am the match, I am the spark, don’t worry, I’m OK now.
Amy Macdonald Spark

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