Samstag, 1. Oktober 2016

Frei wie Freitag: meine 4-Tage-Woche ­čôů

Vor gut drei Monaten habe ich in der Arbeit um ein Gespr├Ąch gebeten und eine mir sehr wichtige Frage gestellt. Die sa├č schon fast ein Jahr in meinem Kopf und wartete auf ihre Antwort. Dass letztere Nein sein k├Ânnte, hatte ich bef├╝rchtet und daher lange gar nicht erst gefragt. You don't ask, you don't get, also habe ich mir einen Ruck gegeben … Und was ich bekam, war ein Ja. Ein Ja zur 4-Tage-Woche, die ich f├╝r die Sommermonate ausprobieren wollte. Diese drei Monate neigen sich nun dem Ende zu. Ein Erfahrungsbericht, ein Res├╝mee und wie es weitergeht.

Schon im Studium hatte ich latente Sorge vor der sp├Ąteren 40h-Woche. Und das obwohl ich als Studentin phasenweise eine gesch├Ątzte 60-80h-Woche hatte, die sich aber keineswegs so anf├╝hlte. Das hatte nat├╝rlich mit meiner Begeisterung f├╝r mein Studium zu tun, aber auch mit der Selbstbestimmtheit, und -verantwortung die ich an der Uni so genoss. Ich habe zwar gef├╝hlt 7 Tage die Woche f├╝r mein Studium gearbeitet, aber zu meinen Bedingungen und in meinem Rhythmus, wodurch es sich nicht im geringsten nach „Arbeit“ anf├╝hlte, sondern einfach nach einem sehr anspruchsvollen und herausfordernden Hobby. Und wenn ich Zeit brauchte, f├╝r mich, f├╝r andere Dinge, dann lag es in meiner Verantwortung, sie mir zu nehmen.
Um zur├╝ck zum Thema zu kommen: In meinem Leben steckt so viel mehr als meine Arbeit – und wenn ich „Arbeit“ sage, meine ich die, mit Hilfe derer ich meine Miete bezahlen und Lebensmittel kaufen kann. So viel mehr gibt es da jedenfalls: Interessen, Projekte, Menschen, Dinge, die mir Freude machen, mich motivieren, die ich tun will und muss, damit es mir gut geht.
F├╝r all das schien in meiner Vorstellung kaum Platz, wenn eine Woche zu f├╝nf Siebteln aus Arbeit besteht. „Rei├č dich zusammen, jeder arbeitet >40h/Woche.“ Ich habe mich nach dem Studium also relativ widerstandslos in das System eingef├╝gt. Muss „man“ ja, macht „jeder“ so und schlie├člich gew├Âhnte ich mich daran, auch wenn irgendwas mich immer zwickte: Alles, was nicht „Arbeit“ ist, muss in ein Wochenende aus zwei Tagen passen. Bei mir mussten gef├╝hlte 1000 Dinge Samstag und Sonntag abgehandelt und Kraft aus ihnen f├╝r die kommende Woche gezogen werden. Mich nach einer anstrengenden Woche ├╝berhaupt erst auf das Wochenende ein- und locker zu lassen, braucht alleine schon etwas Zeit. Dann, vielleicht gegen Samstagabend, wenn das was „muss“ erledigt ist, er├Âffnet sich pl├Âtzlich der Bewegungsfreiraum, den ein Wochenende bietet. Der „breathing space“, in dem Ideen kommen und wachsen und neue Dinge entstehen k├Ânnen. Ehe ich mich denen aber widmen konnte, sa├č ich pl├Âtzlich wieder am Schreibtisch im B├╝ro, als h├Ątte ich nur kurz geblinzelt und das Wochenende getr├Ąumt. Der Schl├╝ssel zu dem Raum, in dem Dinge entstehen k├Ânnen, ist Zeit. Die fehlte mir in meiner 5-Tage-Woche und so trug ich ein Jahr diese kleine, aber sehr wichtige Frage mit mir herum. Bis ich sie im Juni dann stellte.

Meinen Wunsch musste ich erwartungsgem├Ą├č begr├╝nden, denn ich habe weder Kind, Hund, noch attestierte Leiden irgendeiner Art. Ich habe ein paar der 1000 Dinge genannt, die, wenn ich mich ihnen widmen kann, meine geistige Gesundheit sicherstellen. Mehr Zeit f├╝r pers├Ânliche Interessen, private Projekte, zum Ausruhen, Entspannen … was mir wiederum mehr Kraft bringt und Motivation. Dass zum einen eine Grundsatzdiskussion n├Âtig ist, wenn man f├╝r sich eine Alternative zum 40h-Modell suchen m├Âchte und zum anderen fast ausschlie├člich Vollzeitjobs angeboten werden, zeigt wie wenig etabliert Arbeit in Teilzeit ist und dass mit ihr meist auch Geringsch├Ątzung einhergeht. Als leiste man ohne guten Grund (Stichwort Kind) einen geringeren Beitrag als alle anderen. Oder als sei es ein Zeichen von Schw├Ąche oder mangelnder Ambition, wenn der „day job“ nicht wichtigster Lebensbestandteil ist und man stattdessen ein „einfaches Hobby“ oder pers├Ânliche Projekte priorisiert. Vielleicht auch eine ganz pers├Ânliche Frage, wie und wor├╝ber man sich selbst definiert, welchen Stellenwert die Arbeit-Arbeit hat und woraus man f├╝r sich Energie und Lebensfreude sch├Âpfen kann.

Ein anderer Grund f├╝r den Wunsch nach einer k├╝rzeren Woche kann auch schlicht die Pers├Ânlichkeit eines Menschen sein. Wieder: Etabliert und gesellschaftlich akzeptiert ist anscheined der gesellige „was mit Menschen“-Typus, der gerne mit anderen interagiert, gemeinsame Kaffeep├Ąuschen genie├čt und das Gro├čraumb├╝ro klasse findet, in dem es nie still ist. Der immerzu Stimulation und Reize braucht und seine Energie aus dem Zusammensein mit anderen Menschen zieht. Guess what? Es gibt „andere“ Menschen, denen das einfach zu viel ist. Die m├╝ssen und wollen auch ihren Platz und ein Arbeitsmodell finden, in dem sie sich wohlf├╝hlen und folglich effizient arbeiten k├Ânnen. Eine k├╝rzere Woche mit l├Ąngeren Erholungsphasen kann diesbez├╝glich eine Option sein. Mehr Erholung zu brauchen, ist kein Zeichen von Schw├Ąche – vielmehr weist es auf die erheblichen M├Ąngel des als Norm geltenden Modells hin, das all diejenigen marginalisiert, die nicht hineinpassen.

Wie grundlegend fremd und unvorstellbar das Konzept eines regul├Ąren, zus├Ątzlichen freien Tags in der Woche vielen Menschen zu sein scheint, fiel mir jedenfalls angesichts der sehr irritierten Fragen auf, die mir in den letzten Monaten regelm├Ą├čig gestellt wurden: Was ich denn mache mit der ganzen Zeit, wollten einige wissen und ob das nicht langweilig ist. Es ist ein Tag pro Woche. Kein Jahr in einer Waldh├╝tte ohne Strom. Und zu der Frage mit der Langeweile kann ich nichts sagen, nur Adam aus GIRLS zitieren: „Boredom is bullshit. Boredom is for lazy people who have no imagination.“

Vielleicht ist die 4-Tage-Hemmschwelle in anderen Branchen oder Arbeitsumfeldern nicht so hoch. Oder die Verwunderung dar├╝ber, neben der Arbeit Interessen zu haben, die zeitintensive Hingabe erfordern. Ich bin froh, dass ich die Hemmschwelle ├╝berwunden, einfach gefragt, die Diskussion bestritten und schlie├člich mit einer 32h-Woche den Raum verlassen habe: Seit Juli ist der Freitag ein Frei-Tag.
Shall I compare thee to a summer's day? Die 4-Tage-Woche war genau, was ich brauchte. Das Wochenende blieb Wochenende und der Freitag war mein Tag. Er wurde ein save space, auf den ich mich freuen konnte, wenn die Arbeitswoche an mir zerrte. Wie ein kleiner Garten, in dem ich s├Ąen, sitzen, warten und ein bisschen hineinhorchen konnte in alles, was vom sonstigen nine to five ├╝bert├Ânt wird. Es war so gut. Wie der erste Atemzug, den man am Meer nimmt. So gut, dass sich Anfang September erneut die latente Sorge vor dem 5-Tage-Laufrad einstellte, in das ich im Oktober zur├╝ckgehen sollte. Das Thema musste also wieder auf den Tisch. Die Hemmschwelle war etwas niedriger als noch im Juni, dennoch: Die verk├╝rzte Woche scheint im Gegensatz zum etablierten System ein Zugest├Ąndnis zu bleiben. Vorerst, hoffe ich. Denn mit der Vielfalt an neuen Jobs, die in den letzten 5-15 Jahren alleine durch das Internet entstanden sind und weiterhin entstehen, wird es auch eine offenere Haltung gegen├╝ber neuen Arbeitsmodellen geben m├╝ssen, die damit aufkommen und gelebt werden wollen. Die 4-Tage-Woche, genauso wie remote-work oder Job-Sharing sind nur wenige Beispiele, die bereits vergleichsweise weit verbreitet, aber trotzdem noch nicht ├╝berall angekommen sind.
So habe ich die Frage also noch einmal gestellt und wieder eine Antwort bekommen: Die Freitage bleiben Freir├Ąume und ich bin vorfreudig gespannt auf alles, was in ihnen entstehen wird.

Kommentare:

  1. Sehr spannend, danke f├╝r diesen Einblick! In meiner Branche (Wissenschaftssystem) ist die 7-Tage-Woche - wenn auch nicht zwangsl├Ąufig in einem 'offiziellen' B├╝ro - Realit├Ąt. Ich genie├če zwar die Selbstbestimmung dar├╝ber, was ich wann wie und wo mache, aber es bleibt eben der Anspruch des Systems dies im Rahmen von sieben Tagen zu tun. Noch trauriger daran ist, dass man dann dennoch oftmals nur f├╝r drei Tage bezahlt wird.
    Die eigentliche - ├╝berh├Âgt formuliert - Tragik liegt f├╝r mich jedoch darin, dass ich meinen Beruf (ja Beruf! Es ist nicht nur ein Job f├╝r mich, es ist in der Tat eine Lebenseinstellung) so liebe. Damit hat er eine gro├če Priorit├Ąt. Nicht die einzige, da gibt es noch genug anderes, was auch so schon gef├╝hlt nicht in ein Leben passt, aber wenn mein Beruf eine Priorit├Ąt bleiben soll, dann verteidigt er diese Stellung sehr stark.
    Damit f├╝hle ich mich dann immer ein bisschen au├čen vor, weil ich das Gef├╝hl habe es gibt einerseits jene, die 100% Beruf haben wollen und das auch nicht anzeifeln und andererseits solche, denen anderes wichtiger ist und die somit den Beruf zur├╝ckfahren. Was ist, wenn man beides will? Will man dann tats├Ąchlich zu viel?



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    1. Vielen Dank f├╝r Deinen Kommentar! Diese Variante gibt all dem noch eine verzwicktere Ebene, wenn ich das richtig verstehe. Seinen Beruf sehr, sehr gerne machen – trotzdem aber auch dem „├╝brigen“ Leben Raum geben wollen. Dass man zu allem ├ťberfluss in der Wissenschaft noch schlecht(er) bezahlt wird, macht es zus├Ątzlich schwer, ein f├╝r sich passendes Modell zu finden. Alles Gute weiterhin und vielen Dank nochmal f├╝rs Lesen und Schreiben!

      L├Âschen
  2. In welcher Branche arbeitest du? Interessanter Einblick! H├Ârt sich sehr spannend an!

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