Samstag, 24. Dezember 2016

Weihnachten

Vor drei Jahren hatte ich das traurigste Weihnachtsfest meines bisherigen Lebens. Das Weihnachten im Jahr darauf war auch traurig, aber aus ganz anderen, neuen Gründen. Als hätte ich lernen müssen, dass Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit unzählige Schattierungen und Geschmäcker haben und aus den entlegensten Winkeln auf einen zustürmen, dich niederwerfen und zu Boden drücken können, bis jeder Atemzug mehr Kraft kostet als man für einen einzelnen Tag aufbringen kann.

Ich konnte damals keine Musik mehr ertragen. Musik schon, aber nichts von dem, was ich normalerweise hörte. Nur noch Klassik ging. Vielleicht kann mir jemand erklären, wie das kommt – ich weiß es jedenfalls nicht. Aber auch Stille konnte ich nicht ertragen und so begleitete mich damals Klassik durch viele Monate. Auch wenn ich für klassische Musik zuvor nur zu bestimmten Anlässen etwas übrig hatte, wurde sie zu dieser Zeit für mich wie Licht zum Anhören … wie jemand, der vorausgeht und sich für mich durch die Dunkelheit schlägt, weil ich es selbst nicht kann. In besagter Adventszeit vor drei Jahren wurde ich morgens einmal von Johann Pachelbels Canon in D-Dur auf Klassik-Radio geweckt, was mir in dieser Adventszeit zum musikalischen Thema meines täglichen Lebens wurde.

Wenn ich gelernt habe, dass es eine Angst und Dunkelheit gibt, die so mächtig und undurchdringlich ist, dass jeder Schritt nach vorne unmöglich scheint, dann auch, dass es doch immer einen Weg hindurch gibt. Daran (und in dem Zusammenhang an Hegel) erinnerte mich damals jemand, ohne den (ohne die!) ich die Schritte „hindurch“ nicht geschafft hätte. Sie zeigte mir auf, dass durch etwas hindurchzugehen bedeutet, das Schlimmste zu ertragen und der Weg nur entsteht, wenn man ihn geht.

Quelle: marylebow tumblr

Wer mich zum Nachdenken über Hegel brachte, damals, an Weihnachten vor drei Jahren, erinnerte mich auch an die Weihnachtsbotschaft – „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch große Freude …“ – und an Jesus: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“

Wie komme ich jetzt auf all das? Ich denke viel nach und ich schaue gerne zurück. Ich bin Nostalgikern. Ich werde nicht nur nostalgisch, wenn ich an meine Kindheit oder Schulzeit, sondern auch, wenn ich an gestern Vormittag oder letzten Dienstag denke. Mit dem Zurückschauen kommt das Nachdenken. Über Erfahrungen, Erlebnisse und mich. Wie ich war, mich verändert habe, jetzt bin – was ich gelernt habe. Damit bin ich beim nach vorne schauen. Was ist jetzt, wie geht es weiter, was nehme ich mit?

Heute, am 23.12.2016 waren die Weihnachtsfeste der vergangenen Jahre näher, als zu jedem anderen Zeitpunkt. Auch ohne den Blick über die Schulter, sind die Bilder, die Stimmung und Gefühle präsent. Aber ich schiebe sie nicht weg, sondern lasse sie kommen und gehen und besinne mich dann auf das Jetzt.
Das diesjährige Weihnachtsfest ist anders als jedes, das ich jemals gefeiert habe, weil ich nicht nach Hause zu meinen Eltern gefahren bin, sondern in Berlin feiere. Gemeinsam mit Harry. Wir, zu zweit. Ich freue mich schon sehr lange darauf und auch wenn einem, angesichts der aktuellen Ereignisse, sowohl lokal als auch auf der ganzen Welt, das Wort „Frieden“ nicht leicht über die Lippen kommt, so ist es doch genau das Gefühl, das ich spüre, an diesem Weihnachtsfest. Ich fühle mich sicher und in Frieden.

Wir sind mit all unseren Vorbereitungen fertig, haben alle Besorgungen gemacht und uns den Tag heute für einen kleine Weihnachtsausflug genommen, waren frühstücken, auf dem Weihnachtsmarkt am Schloss Charlottenburg, einem meiner liebsten und danach im KaDeWe. Konsumtempel hin oder her, niemand kann ausladende Weihnachtsdeko wie Kaufhäuser, daher muss ich um Weihnachten einmal da hin und die unzähligen Bäume, Kugeln, Schleifen und Lichter sehen.
Auf unserem Weg nach Charlottenburg, in der U-Bahn, einem Ort, an dem man sich nun im Schatten der vergangenen Tage unwohl fühlen könnte, wir aber unbeirrt unserem Weihnachtsausflug entgegenfuhren, stieg ein Mann mit Geige zu. Bis zur nächsten Haltestelle spielte er Pachelbels Canon und legte mir damit das Dia zum Weihnachtsfest 2013 in den Projektor. Ich wünsche mir und weiß, dass ich noch sehr, sehr, sehr viele Weihnachtsfeste erleben und feiern werde, bin mir aber bewusst, dass es zukünftige geben wird, die den schwermütig traurigen von 2013 und 2014 ähnlicher sein werden, als dem glücklichen, dem ich dieses Jahr entgegen sehe. Ich hoffe natürlich das Beste, weiß aber, wie das Leben ist. Ich will die Ereignisse nehmen wie sie kommen, stets mit dem Wissen, dass ich einmal auf sie zurückschauen und sehen können werde, woher ich gekommen bin, was ich von dort mitbringe und wie ich jetzt, jetzt, jetzt meinen Weg damit beschreite.


Dass ich dieses Jahr so feiern, mich so fühlen darf, ist für mich das größte Geschenk. Ich wünsche allen ein Weihnachtsfest nach ihren Wünschen und vor allen Dingen dieses Gefühl von Geborgenheit und Frieden.

🎄⭐️

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