Sonntag, 26. März 2017

I don’t take shit from no one

Eigentlich wollte ich diesen Post mit „Der Versuch, kein Arschloch zu sein“ betiteln, habe mich dann aber anders entschieden. Ganz gut beschrieben wäre die Zwickmühle damit aber schon – in die komme ich oft, wenn ich mich bemühe, einerseits freundlich und respektvoll meinen Mitmenschen gegenüber durchs Leben zu gehen und gleichzeitig für meine Meinung, Würde und Sicherheit einzutreten. Im Grunde ist es eine riesengroße innere Diskussion zum Thema menschliches Miteinander, Selbstrespekt und -bewusstsein. Ich mache mir dazu schon ziemlich lange Gedanken. Mit jeder weiteren Erfahrung, die ich mache, finde ich bei dem großen Gedankenpuzzle ein weiteres winziges Teil. Bei einem vollständigen Bild ankommen, werde ich wahrscheinlich nie, denn über ein solches Thema hat man sich nicht einfach irgendwann fertig Gedanken gemacht.

Was mich jetzt aber dazu bringt, das alles einmal sammeln zu wollen, ist ein Erlebnis, das ich vergangene Woche hatte. Es war nur ein kurzer Moment, kein wirkliches Erlebnis. Meist sind es aber genau diese kurzen, kleinen Momente, die mich in Gedanken noch lange begleiten, die ich drehe und wende und mich frage, ob ich mich anders hätte verhalten, etwas anderes hätte sagen sollen usw. Wer viel in seinem eigenen Kopf unterwegs ist, kennt dieses Vor- und Zurück der Selbstreflexion wahrscheinlich.

Ich bin sehr viel mit dem Rad unterwegs, was ich wirklich sehr genieße, aber wer schon mal im Berliner Berufsverkehr geradelt ist, weiß, dass man da so einiges erlebt und sich viel anhören und gefallen lassen oder eben entspannt über allem stehen muss. Ob ich letzteres bewerkstellige, hängt von meiner Tagesform ab – relativ sicher kann ich aber sagen, dass ich mir in den meisten Fällen eben nichts gefallen lasse.
Beim Radfahren in Berlin jedenfalls, rechne ich immer damit, von Autofahrern übersehen zu werden. Das stets mit einzubeziehen, sichert mein Überleben. Meistens, und das ist jetzt eine Unterstellung und Verallgemeinerung, bekomme ich den Eindruck, dass Menschen in Autos sich nach dem Gesetz des Stärkeren verhalten und so bin auch ich nicht besonders zuvorkommend, sondern beharre auf – z.B. meiner Vorfahrt, sofern es denn nicht lebensgefährlich ist. Nach einer solchen Situation jedenfalls sprach mich ein Autofahrer neulich aus dem heruntergelassenen Fenster an der nächsten Ampel an. Nicht aggressiv oder anklagend, sondern sehr ruhig. Akustisch verstanden habe ich ihn nicht zu 100%, aber das wie ich denke ausschlaggebende Wort habe ich gehört: „Gegenseitig“. Ich habe nicht reagiert, nur auf mein in eine Mütze gepacktes Ohr gezeigt um ihm zu signalisieren, dass ich ihn nicht hören kann beziehungsweise möchte. Vielleicht lege ich dem Herren mehr Weisheit in den Mund, als er tatsächlich ausgesprochen hat, aber was er, wie ich zumindest vermute, wohl meinte und da hat er völlig recht: Ein harmonisches Miteinander beruht auf gegenseitiger Rücksichtnahme. Es hätte mir nicht wehgetan, ihn aus seiner Parklücke zu lassen. Stattdessen habe ich ihm mit meinem Gesichtsausdruck signalisiert, dass er ein Stoffel ist und mich um seinen schon ziemlich weit in die Straße ragenden Kotflügel gedrückt. Dass ich es als Radfahrerin gewöhnt bin, von anderen Verkehrsteilnehmern und besonders von dicke Autos fahrenden Menschen übergangen zu werden und entsprechend wenig kulant Rad fahre, kann er in seine Sicht der Situation schwer einbeziehen, weil er meine persönliche Erfahrung nicht kennt. Mir tat es im Nachhinein jedenfalls ehrlich leid. Die Sache mit dem aus dem Autofenster raus irgendwas erklären hätte ich insgeheim auch gerne mit „Ein alter Mann erzählt mir was übers Leben, vielen Dank, das liebe ich.“ gekontert, aber genau das ist mein Punkt: Mache ich mich dadurch erst selbst zum Arschloch? In explizit dieser Situation hatte ich es wahrscheinlich wirklich nicht mit einem Arschloch zu tun und hätte mich durch Aggression tatsächlich zum Deppen gemacht, aber wie ist es in anderen Situationen? Sollte man auf Scheiße mit Scheiße reagieren? Mir fällt gerade keine passendere Umschreibung ein, aber so direkt trifft es meinen Gedanken wohl am besten.

Diese Differenzierung fällt mir jedenfalls schwer: Wann sollte ich etwas besser einfach unkommentiert und ohne zu reagieren an mir vorüberziehen lassen und wann ist es gerechtfertigt, Feuer speiend in den Ring zu steigen und sich zu verteidigen. Letzteres mache ich glaube ich meist eher einmal zu viel als zu wenig, weil ich immer den Eindruck habe auf andere Menschen zu wirken, als ließe ich mir alles gefallen.
Wenn ich dann die Krallen ausfahre, erschrecke ich manchmal selbst vor mir und meiner Wut und frage mich, woher die kommt. Ich habe dann zwar in dem Moment schon das Gefühl, für mich selbst eingetreten zu sein, frage mich im Nachhinein aber oft, ob ich das auch souveräner hätte handhaben können, ohne dem Ganzen so einen starken Geschmack von Verteidigung zu geben.

Eine unserer Nachbarinnen hat beispielsweise über Wochen hinweg mein Fahrrad im Innenhof woanders hingestellt, weil es ihr nicht passte, dass ich unter ihrem Küchenfenster parkte. Dem einzig noch freien Platz. Ihre Umpark-Aktionen führten dazu, dass ich morgens mein Rad suchen musste und in Panik verfiel, weil ich dachte, es sei gestohlen worden. Einmal sprach ich sie darauf an, als sie gerade wieder dabei war, mein Rad wegzuschleppen. Es stelle sich heraus, dass sie einfach keinen Fahrradlenker sehen wollte, wenn sie aus ihrem Küchenfenster schaute. Ich hatte gedacht, dass der Blick auf die vier Mülltonnen dort weit störender wäre. Hätte es andere Fahrradstellplätze gegeben, wäre es mir sicher leichter gefallen nachzugeben, aber nachdem eben dieser Platz unter ihrem Küchenfenster der einzige war, an dem mein Rad nicht komplett im Weg stand, war ihr Verhalten für mich Schikane. Also habe ich bei der Dame geklingelt und ihr ein paar Takte gesagt, was auch wirklich saß. Sie war dann plötzlich sehr defensiv und ich habe mich im Nachhinein gefragt, ob vielleicht auch ein bisschen weniger Munition gereicht hätte. Selbst wenn ich von einer solchen Auseinandersetzung „erfolgreich“ weggehe, will ich doch auch nicht mit der Dampfwalze durch mein Leben fahren und alle platt machen müssen, die mir blöd kommen. Ich versuche eigentlich mit dem Bewusstsein zu leben, dass man seinen Frieden haben darf, wenn man ihn auch anderen lässt, was Dampfwalzeneinsätzen idealerweise vorbeugt.

Ein aktuelles Beispiel, bei welchem das mit andere in Ruhe lassen und auf selbiges hoffen vergeblich ist: Eine andere unserer Nachbarinnen hat Schwierigkeiten, das Prinzip Nachtruhe zu verstehen. Mit ihr gesprochen haben wir schon sehr oft. Ihr Verhalten ändert sie aber nicht, ganz im Gegenteil. Einfach die Polizei zu rufen und Anzeige zur erstatten, fällt uns schwer, denn die hat wichtigeres zu tun. Zudem finde ich es lächerlich, denn man kann doch miteinander reden und so komplex ist der Sachverhalt ja nun nicht: Wir hätten spätestens nach 24Uhr gerne Ruhe, heißt Klappe zu oder Fenster zu. Sie krakeelt aber auch morgens um vier noch halb Kreuzberg wach. Weil Diskussion und Argumente bei ihr nicht fruchten, möchte etwas in mir gerne bei ihr Sturm klingeln, wenn ich samstags um 7:00 zum Laufen gehe, oder ihr ein schönes Hundehäufchen auf den Fußabtreter legen. Beides schlecht fürs Karma. Und auch abgesehen davon will ich das weder tun, noch meine Energie und Zeit damit verschwenden, derlei rein hypothetische Pläne zu schmieden. Doch das passiert eben in meinem Kopf, wenn ich um 2:30 hellwach im Bett liege und unter mir der Bass wummert, während mein Wecker auf 6:30 gestellt ist.
Das mit dem Hundehäufchen wäre der Arschloch-Move und macht mich in meinen Augen kein Stück besser – nächstes Mal also Polizei. (Oder?)

Situationen, in denen ich eben nicht in Ruhe gelassen, sondern (von meinem subjektiven Standpunkt aus grundlos) angegangen werde, überfordern mich jedenfalls, weil ich mir mit der Nuancierung meiner Reaktion schwer tue.
Während Situationen wie die mit meiner Fahrrad-Nachbarin die richtige Mischung an Diplomatie, Standhaftigkeit und Druck erfordern, sieht es mit solchen wie Belästigung im öffentlichen Raum wieder anders aus: Meistens passiert es beim Joggen, dass mir irgendwas obszönes hinterher gerufen wird oder ich Pfiffe und sonstige Laute höre, mit denen man ein Pferd oder Rinder antreiben würde.
In solchen Fällen bin ich schon abrupt stehengeblieben und auf die Herren zugegangen, was stets einen guten Überraschungseffekt hat und entsprechend irritiert, weil damit die wenigsten rechnen. Dem unendlich dummen Argument „War ja als Kompliment gemeint“ begegnet man mit Aggression aber meist nicht besonders erfolgreich. Aber selbst wenn ich so etwas einfach ignoriere und gar nichts tue, habe ich später nicht das Gefühl, die Situation besonders gut bewältigt zu haben, denn ich bleibe als die Passive zurück, die etwas einfach über sich ergehen lässt. Ich muss dann an den Ratschlag denken, den man als gemobbtes Kind meist von Erwachsenen bekommen hat: „Einfach ignorieren, dann verlieren sie das Interesse.“ So einfach war es leider nie. Mein Grundschul-Bully war dümmer als die Nacht finster und hatte nicht den Horizont zu begreifen, dass meine Nicht-Reaktion im suggerieren sollte, dass ich über all dem stehe und alles an mir abperlt. Als ich ihm im Schulhof in der großen Pause eine klebte, während alle seine Freunde zusahen, kam die Nachricht dagegen an. Ich will damit nicht sagen „Prügelt euch, das ist die beste Art der Konfliktbewältigung“ – ich habe nur für mich herausgefunden, dass Stoik mir meist keinen Seelenfrieden beschert und ich stattdessen aktiv werden muss. Womit ich zurück wäre auf dem in meinen Augen schmalen Grat zwischen ungerechtfertig aggressiver Überreaktion, die mir im Nachhinein oft leid tut und Zurückhaltung beziehungsweise Passivität, durch die ich mich meist unterlegen und übergangen fühle.

I don’t take shit from no one … aber der Ritt auf der Dampfwalze muss es auch nicht sein.
Gleichzeitig glaube ich an Karma und denke mir oft … „wie man in den Wald reinruft, …“ Weil andere Menschen Arschlöcher sind, muss ich mich nicht auch zu einem machen.
Mein Versuch eines goldenen Mittelwegs ist: Was mir von Menschen entgegenkommt, sei es nun offene Aggression, Ignoranz, Rücksichtslosigkeit oder sonstiges, gelangt erst durch einen Filter, also nicht zu vollen 100% an mich heran. Ich trete damit einen Schritt zurück und entscheide mich im Zweifelsfall zu Gunsten meines Gegenübers dafür, ihm mit so viel Nachsicht und Güte zu begegnen, wie mir in dem Moment möglich ist. Ausgenommen Cat-Calling/Street-Harassment – für diese Situationen trainiere ich weiter den kastrierenden Blick.

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