Montag, 17. April 2017

sheep therapy ­čÉĹ

An einem Samstag Mitte M├Ąrz verlie├čen wir Berlin in nordwestliche Richtung. Berlin, die Stadt und das Bundesland, enden mit der Ortsgrenze und man f├Ąllt aus dem realen Leben ins Nirgendwo. F├╝r ein Auge, das viele Jahre den Blick auf die Alpen gew├Âhnt war, k├Ânnte die flache Weite Brandenburgs karg und leer wirken. Doch sie hat etwas unverstelltes, und gleichzeitig beruhigendes, weil sie alles von sich offen legt und keine Ungewissheit hinter H├╝geln versteckt oder Erwartungen sch├╝rt, indem sie vor etwas vielleicht noch Kommendes lange Bergketten schiebt. Was es gibt, sieht man offen vor sich und was man nicht sieht, gibt es auch nicht.
Mit Berlin im R├╝cken und dem Horizont im Blick fuhren wir an dem Tag also Richtung Fehrbellin zu Minnas Schafen.

Minnas Schafe leben nahe Fehrbellin bei einer Sch├Ąferei. Und was sie (leider) besonders macht, ist dass sie einfach Schafe sein d├╝rfen. Sie sind die sogenannte „Pensionsherde“ dort und ihr Dasein besteht im Schafsein. Was einmal die Schulschafe der Lenau-Grundschule in Kreuzberg waren, sind jetzt die Pensionsschafe von Minna und einiger Schaf-Patinnen. Bis 2008 und damit ├╝ber 25 Jahre gab es an der Grundschule nahe dem Bergmannkiez Schafe. Was Anfang der 80er ein Projekt in Zusammenarbeit mit der FU Berlin gewesen war, um t├╝rkischen Kindern in Berlin durch die Schafe etwas Vertrautes in ihr schulisches Umfeld zu bringen, wurde gut zehn Jahre sp├Ąter, als die Schulleitung die Schafe nicht mehr an der Schule haben wollte, ein Projekt von Minna und sechs weiteren Lehrerinnen dort, die sich f├╝r den Verbleib der Tiere an der Schule einsetzten. Heute, ├╝ber drei├čig Jahre nachdem das erste Schaf an die Lenau-Schule gekommen war, gibt es dort schon lange keine Schafe mehr. Seit 2008 leben die „Lenauer“ nun schon in Brandenburg. Aus der ehemaligen Schulherde sind noch vier dabei, doch Schafe, die Hilfe brauchen, gibt es leider viele und daher z├Ąhlt die Pensionsherde aktuell 16 wo(h)llig gl├╝ckliche Schafsk├Âpfchen.






Wie eingangs angedeutet, d├╝rfen Minnas Schafe einfach Schafe sein. Sie haben Gl├╝ck und den Sprung ├╝ber den Zaun geschafft, der in den K├Âpfen sehr vieler Menschen die Nutztiere von den Haus- und Streicheltieren trennt. Gleichg├╝ltig gegen├╝ber der Tiere zu sein, die „man“ isst, bewahrt das eigene Gewissen rein. Dass Nutz- und Haustiere aber letztlich rein gar nichts voneinander unterscheidet und diese Trennung einzig die Einstellung und Sichtweise des Betrachters vollzieht, zeigt sich auch in der Sch├Ąferei, in der die Pensionsherde eine sichere Bleibe gefunden hat: Auf der anderen Seite des angesprochenen Zauns n├Ąmlich, werden Schafe gez├╝chtet und „verwertet“. Als wir im M├Ąrz den Schafbesuch machten, war gerade Ablammzeit, das hei├čt die Muttertiere hatten L├Ąmmer. Wir durften in den kleinen Stall gehen und uns die jungen Tiere ansehen. Eines war erst wenige Minuten alt, stand aber schon auf seinen wackeligen Beinchen, w├Ąhrend die Mutter seine krausig dichten Wolll├Âckchen sauber leckte. Ein paar andere L├Ąmmer waren schon etwas ├Ąlter, teils flink im Stall unterwegs und reckten vorwitzig und neugierig die Nasen nach uns, den Besuchern. Den Augen der M├╝tter entging aber nichts. Auch als wir Karottenst├╝cke und hartes Brot f├╝tterten, hatte ich den Eindruck, stets Vorsicht und eine Spur Misstrauen in ihnen zu sehen. Vielleicht w├Ąre mir das gar nicht aufgefallen, h├Ątte die unbedarfte Aufgeschlossenheit der L├Ąmmer nicht in so starkem Kontrast zu der Haltung der Muttertiere gestanden. Eine Mutter ist nat├╝rlich immer auf der Hut, wenn es um die Sicherheit ihrer Kinder geht, doch w├╝rde ich meinen, dass sich eine H├╝ndin, Stute oder Katze auch im Beisein von Menschen mit ihren Kindern weit entspannter geben kann, weil f├╝r sie vom Menschen keine Gefahr ausgeht.
Bei den Mutterschafen kam es mir jedenfalls so vor, als h├Ątten sie sich vom Menschen abgewendet und zwischen ihm und sich einen Vorhang fallen lassen, der sie zwar nicht vollends sch├╝tzen kann, sie aber gleichzeitig davor bewahrt, sich ohne Vorbehalte zeigen zu m├╝ssen. Etwas ├Ąhnliches muss beim Menschen passieren: „Wenn man von den Tieren lebt“, sagt Minna dazu, dann „kann man sich ihnen gegen├╝ber als Mensch nicht so r├╝ckhaltlos ├Âffnen. Man w├╝rde ihr Vertrauen missbrauchen. Das sp├╝ren sie. Daher bleiben sie mehr bei sich […].“



Noch st├Ąrker wurde mir die Verschlossenheit der Mutterschafe bewusst, als ich dann die Tiere der Pensionsherde traf. Weil wir als Fremde dabei waren, zeigten sie sich erst etwas zur├╝ckhaltend, aber dennoch neugierig und aufgeschlossen, als wir die Weide betraten. Sie mussten Minna nur am Rand der Weide sehen und rufen h├Âren, da trabten sie quer ├╝ber die Wiese zu uns. Wir hatten bei der ersten Begegnung leere H├Ąnde und brachten sp├Ąter erst Kn├Ąckebrot mit, doch auch ohne gef├╝ttert zu werden suchten viele der Schafe den Kontakt. Schnell waren wir umringt von wolligen Schafsr├╝cken und fixiert von 16 Augenpaaren, die nicht etwa verschleiert oder misstrauisch waren, sondern weise und fragend. Wir trafen uns auf Augenh├Âhe.



Nach nur ein paar Minuten auf der Weide beginnt man schon, die Tiere und ihre verschiedenen Charakter- und Pers├Ânlichkeitsz├╝ge kennenzulernen. Es sind nicht einfach sechzehn Schafe, sondern sechzehn v├Âllig verschiedene und individuelle Wesen. Eigentlich sollte das niemanden ├╝berraschen, denn dass in einer Gruppe von sechzehn Menschen keiner ist wie der andere, ist uns v├Âllig klar. Doch – und damit sind wir zur├╝ck beim Thema Nutz- vs. Haustiere – werden erstere nicht als Individuen betrachtet, sondern als Gruppe, sie sind „Vieh“. Und was speziell den Nutztieren, Schafen wie K├╝hen, den schlechten Ruf einbrachte, d├╝mmlich oder einf├Ąltig zu sein, ist wiederum Werk des Menschen, der „die intelligentesten und kreativsten ├╝ber Jahrzehntausende konsequent ausgemerzt hat“, so Minna, denn so sind die Herden einfacher handhabbar. „Wer ├╝ber den Zaun sprang und es den anderen noch vormachte, landete gleich im Kochtopf.“ Nicht so Philomena (*2016), sie ist auch Teil der Pensionsherde und durfte nach einem Sprung ├╝ber den Zaun zu Minnas Schafen einfach dort bleiben. [Auch wenn das auf dem Foto unten Milli ist und nicht Philomena.]


Das bringt mich zu der Frage, wie es dazu kommst, dass die Pensionsherde w├Ąchst, denn gez├╝chtet wird selbstverst├Ąndlich nicht in der Herde und die Jungs sind zeugungsunf├Ąhig oder kastriert. Schafe, die Hilfe brauchen, gibt es viele. Drillingsl├Ąmmer zum Beispiel. Ein Mutterschaf hat nur gen├╝gend Milch f├╝r zwei. Kommt ein drittes Lamm zur Welt, muss es entweder mit der Flasche aufgezogen werden, bis es verkauft und geschlachtet werden kann oder es wird direkt get├Âtet. Oder Mutterschafe, die wiederholt nicht tragen. Auch die werden geschlachtet. Letztendlich egal, weil die Nutztiere am Ende des Tages ohnehin alle unter dem Messer landen, die einen fr├╝her, die anderen sp├Ąter? Doch einen Unterschied macht jedes Tier, das ein Leben haben darf, welches in sich schon erf├╝llt ist und nicht erst wertvoll wird, wenn man es ver-werten kann.


Thilus zum Beispiel, blickt auf 15 Jahre Schafsein zur├╝ck. Er wurde mit der Flasche aufgezogen, doch statt zum Schlachter kam er an die Lenau-Schule und Jahre sp├Ąter schlie├člich mit nach Brandenburg, wo er Herden├Ąltester ist. Er hat seine Augen ├╝berall, erz├Ąhlt Minna und h├Ąlt Wache. Als wir schon eine Weile auf der Weide sind und sich die anderen Schafe langsam wieder zerstreuen, begleitet uns Thilus und sucht weiter den Kontakt. Flaschenl├Ąmmchen haben eine tiefere Bindung zum Menschen. Umso traumatischer ist es f├╝r sie, wenn sie dann verkauft werden. Thilus, so beobachtet Minna, wirkt noch heute oft melancholisch, als habe er es nie ganz verwunden, weggegeben worden zu sein. Wie gut f├╝r ihn, denke ich mir, dass er gar nicht wei├č, was am Ende des anderen Weges auf ihn gewartet h├Ątte. Und tragisch gleichzeitig, dass er sich trotzdem versto├čen f├╝hlt.

Auch der heute neunj├Ąhrige Petit Cri├╝ bekam durch die Aufnahme in die Pensionsherde eine Chance. Minna hatte beobachtet, dass er in der anderen Herde immer abseits stand und wirkte, als f├╝hlte er sich fehl am Platz. Sie sagt: „Ich nahm ihn, weil ich wollte, dass er merkt wozu er auf der Welt ist.“

In Minnas Herde lernen die Schafe, dass sie nichts m├╝ssen und niemandem etwas schuldig sind – dass Schafsein ein vollkommenes Dasein ist. Und das ist gut f├╝r die Seele. F├╝r die der Schafe und die eigene. Die Stunden mit den Schafen waren wie Therapie. Sie treten einem vorurteilsfrei gegen├╝ber und sind bereit, Vertrauen zu schenken. Gleichzeitig fordern sie nichts und suchen nicht nach Best├Ątigung. Es sind keine gebrochenen Tiere, sondern sich selbst gen├╝gende Wesen, die den Menschen als Freund in ihr Leben zu lassen.



Mehr ├╝ber Minnas Schafe k├Ânnt ihr auf ihrem Blog lesen.

Kommentare:

  1. Liebe @marylebow!
    Paulchen, Thilus, Milli, Fl├Ąumchen-Agathe, Philomena, Cognac, Pony, Petit-Cri├╝, Mecki, Timo-der Erw├Ąhlte, die Schmusetante, Barbara, Nayala, Herr Weiss, Linda-Julia und Herr Weiss haben mich beauftragt, Dir mitzuteilen, dass sie sich wahnsinnig geehrt und ernst genommen f├╝hlen und sie lassen Dich durch mich gr├╝├čen und sie k├Ânnen sich gar nicht satt sehen an den sch├Ânen Bildern und: Komm doch mal wieder, sagen sie.
    Liebe Gr├╝├če Minna

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  2. Menno. Herr Weiss hat sich mal wieder vorgedr├Ąngelt, wie es so seine Art ist, aber Hugo wollte auch seine Meinung dazugeben. Hugo schlie├čt sich hiermit der Gang an und gr├╝├čt Dich mit einem herzlichen M├Ą├Ą├Ąh! Minna

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