Sonntag, 23. April 2017

»Thank U« (1998)

Vor ein paar Tagen, als ich die Wohnung saugte, fiel mir Ironic von Alanis Morissette ein. Erst sang ich nur im Kopf, dann laut. Der Staubsauger gab mir Deckung. Als ich mit dem Flur fertig und im Wohnzimmer angekommen war, holte ich mein iPhone. Ich wollte back-up von Alanis und steckte mir die Kopfhörer in die Ohren. Ich habe nur die unplugged-Version von Ironic. Sie war auf einer CD, die ich 2002 zu Weihnachten bekommen hatte: The Very Best of MTV Unplugged. Hands Clean war meine erster bewusst gehörter Alanis-Song, auch wenn Ironic schon einige Jahre zuvor veröffentlicht worden war. Hands Clean kam 2002 raus. Ich habe es zum ersten Mal während eines Skiurlaubs in Österreich gehört, auf der Piste. Nach einer Abfahrt kam ich an der Sessellift-Station an, dort lief das Radio und als ich mich in die Traube der Wartenden einreihte, sang Alanis Morissette Hands Clean. Und wie das eben so ist bei einem wirklich guten Pop-Song, ging er mir sofort ins Ohr und blieb da. Und wie das Anfang 2000 eben so war, hatte ich keine andere Möglichkeit herauszufinden, welches Lied ich gerade gehört hatte, als einfach zu warten, bis es wieder im Radio lief. Wann immer ich Hands Clean höre, auch heute noch, 15 Jahre später, denke ich an diese Liftstation, den Abschwung, die Februarsonne.

Bei meinem Staubsaugerkaraoke ließ ich Hands Clean aus, nach dem Vibe war mir gerade nicht. Ich ging direkt über zu Thank U, als ich mit dem Wohnzimmer fast fertig war und mit meinem Zimmer weitermachte. Auch an den Track habe ich eine diffuse Urlaubserinnerung. Ich war mit meinen Eltern im südlichen Afrika unterwegs und hatte ungefähr 52 lose CDs dabei. Dass an meine CDs oder in meinen Discman Sand kommen könnte, war meine größte Angst. Mit Sicherheit größer als die vor Malaria. Ich war 14 und lebte in einem Paralleluniversum aus Musik. Ich glaube, ich habe nie nicht Musik gehört. Und selbst wenn keine aus meinen Kopfhörern kam, hatte doch alles, was passierte, in meinem Kopf einen Soundtrack. Wirklich klare Erinnerungen assoziiere ich mit dem Track aber nicht. Da ist ein verschwommenes Bild von meinem Zimmer im Haus meiner Eltern, wo ich auf der Couch sitze und der Song aus meiner Stereoanlage kommt. Ich konnte in dem Alter einfach nur dasitzen und Musik hören. Sie war nie nur Hintergrundgeräusch.

Als ich mit dem Staubsaugen fast fertig bin, ist auch Alanis fast am Ende von Thank U angekommen. Die letzten 45 Sekunden des Songs sind mir die liebsten. Gemeinsam mit ihr singe ich aus vollem Hals. Man soll tanzen, als würde niemand zugucken, heißt es. Ich singe lieber, als wären die Wände nicht aus Papier. Da fehlt mir Autofahren. Im Auto, auf einer Überlandfahrt … nirgends kann man besser singen. Oder beim Staubsaugen. Thank You, Alanis Morissette.
Erschöpft wie nach einem Sprint, irgendwie ganz leer gesungen, merkte ich erst dann, dass irgendwas raus musste.

How 'bout unabashedly bawling your eyes out.
Ja, ungefähr so und warum eigentlich nicht.
How 'bout me enjoying the moment for once.
Versuche ich.
Thank you disillusionment
Thank you nothingness, thank you clarity
Thank you, thank you, silence


Thank you, Alanis.

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