Sonntag, 23. Juli 2017

»less doing, more being« – eine Suche

Der Sommer ist dieses Jahr sehr gut zu mir, indem er in frühherbstlicher Manier viel Regen, Wind und oft gerade mal 20°C bringt. Vielleicht wurde er sich selbst zu viel und dachte „Was soll der Stress mit der Hitze eigentlich?“ Mit dem Ausbleiben des Palma-de-Mallorca-Klimas verbreitet sich zu meiner großen Erleichterung auch nicht diese Sommereuphorie unter den Menschen, die ab Juni am liebsten draußen leben würden, die Nächte am Landwehrkanal verbringen und sich bis vier Uhr morgens Geschichten übers Leben erzählen. Wer Spaß daran hat, schön – mich macht das hingegen innerlich nur schon beim bloß darüber nachdenken ganz leer und müde.
Doch trotz der mäßigen Temperaturen und der verhaltenen Stimmung um mich, fühle ich mich irgendwie kraftlos und als müsste ich mal sehr tief seufzen. Nicht nur im übertragenen Sinne. Geräuschvoll auszuatmen versucht meine Osteopathin mir nun schon seit Monaten beizubringen. Denn wie sich herausstellte, atme ich zwar viel und oft ein, aber so gut wie nie aus. Das würde aber Spannungen lösen. Und Spannungen habe ich reichlich und eigentlich so gut wie überall, aber in den Schultern und im Bauch und wo wir dabei sind auch im Gesicht und am Kopf und eigentlich vom Becken aufwärts ganz besonders. Als ich neulich vorfreudig zu jemandem sagte „Ich bin gespannt!“, wurde ich direkt ein bisschen traurig, weil ich mir dachte „Ja, ich bin gespannt und zwar 24/7 und in jedem einzelnen Muskel.“ Aber ich verliere den Faden.

Eigentlich war ich beim sich kraftlos und ausgeleert fühlen. So als müsste ich mal „abschalten“ und „rauskommen“. Kann ich ja gar nicht leiden, diese Formulierungen, denn auch wenn ich verstehe, was damit gemeint sein soll, ist es doch irgendwie sehr kurz gedacht. Denn wenn ich aus einer (Lebens-)Situation „raus“ muss, damit es mir wieder besser geht – … sollte nicht eine grundlegende Änderung der Situation erste Maßnahme sein? Denn was passiert sonst, wenn ich gezwungenermaßen, wieder in sie zurückkehre. Sowas zu ändern geht nicht über Nacht, das ist schon klar.
Auch den Gedanken hinter dem „Abschalten“ verstehe ich natürlich und nichts anderes versuche ich an den Feierabenden und Wochenenden oder im Urlaub. Dennoch: Eigentlich will ich zu keinem Zeitpunkt abgeschaltet sein, sondern präsent, so gut wie immer. Ohne durch meine Präsenz aber Schaden zu nehmen. Und da kommt (bei mir) die Spannung ins Spiel, die ich statt meiner Präsenz an meine Stelle setze. Die Spannung ist widerstandsfähig, steckt alle Haken und Hiebe weg und lässt nichts „nach Innen“ durch. Die Präsenz hingegen ist in beide Richtungen durchlässig. Sie selektiert auch und stößt manches ab, doch ihre Grundeinstellung ist aufmerksam, offen, zugänglich – verwundbar. Sie lässt viel rein und noch mehr raus. Beides birgt Gefahren – da will die Spannung helfen. Und so sehr die das auch tut – hin und wieder und in letzter Zeit ziemlich häufig, kehrt sie sich gegen mich, wenn ich sie nicht mehr gelöst bekomme. Dann beiße ich nicht nur im Härtefall die Zähne zusammen – buchstäblich und im übertragenen Sinne –, dann wird sie das default-setting und die Präsenz versuche ich dann auszugraben, wenn ich das mit dem „Abschalten“ probiere – für 72h am Wochenende. Schalter aus, Spannung raus – nein, läuft nicht.

Genügend Schlaf und frische Luft, gutes Essen, Yoga, Bewegung draußen, Bücher, Musik, Podcasts, kreative Arbeit, kochen, lesen, basteln, schreiben … in all dem suche ich Entspannung und manchmal bis oft finde ich sie auch. Doch bin ich auf einem Spannungslevel angekommen, auf dem ein heißes Bad und ein bisschen Yin Yoga wie der Versuch sind, ein Buschfeuer mit einem Becher Wasser zu löschen. Ich will es nicht so aussehen lassen, als stünde ich kurz vor dem Burn-Out oder Nervenzusammenbruch, aber bis dahin muss ich es nicht kommen lassen, um mir grundlegende Gedanken darüber zu machen, wie ich zwischen Müssen und Wollen navigieren kann, ohne mich dabei selbst zu verlieren. Vielleicht habe ich ein paar von euch schon verloren – die ersten wahrscheinlich oben bei der schlechten Sommer-Publicity. Für die noch anwesenden: Neulich las ich in einem Buch etwas von „less doing, more being“ und ich war im Begriff, darüber hinwegzugehen, denn irgendwie war mir schon klar, was damit gemeint ist, aber dann habe ich innegehalten und die vier Wörter auf mich wirken lassen und festgestellt, dass ich zwar bestens vertraut bin mit „doing“, aber überhaupt nicht weiß, was „being“ ist oder wie ich das machen – oder vielmehr sein soll. Ich mache immer, immer irgendwas. Wenn es in meiner „Entspannungszeit“ stattfindet, sind das natürlich ausnahmslos Dinge, die mir Freude machen. Aber nie tue ich einfach nichts. Selbst wenn ich denke, gerade einfach nichts zu machen, bin ich in irgendeiner Weise produktiv. Mein Kopf ist nie leer oder unbeschäftigt. So gefühlsbetont ich auch sein mag, mein Kopf hat immer das Ruder in der Hand und was ihm nicht passt, kloppt er damit nieder. Und irgendwann bekomme ich im überall Spannungsschmerzen und mein Köper streicht die Segel. Wie ich da rauskommen soll, weiß ich nicht wirklich.

An dem ständig beschäftigt sein (wollen) bin ich selbst schuld, klar. Wochenende und Raum für „meinen Kram“ zu haben, begeistert mich in so hohem Maße, dass ich mit einer paralysierend langen Liste an Büchern, die ich lesen, Podcasts, die ich hören, Blogposts, die ich schreiben will in meinen freien Freitag starte. Am Sonntag bin ich dann manchmal einfach nur niedergeschlagen, weil ich nicht genug davon geschafft habe. Moment, was?
Ich – wir sind nicht darauf konditioniert, einfach zu sein – wenn ich das mal so verallgemeinern darf. Wenn man sich im Großteil seines Lebens einem Takt anpasst, von dem man gar nicht weiß, woher er eigentlich kommt, fühlt sich ein Aussetzen wie Entgleisen an. Und wenn ich mich grundsätzlich gar nicht diesem Takt anpassen, nicht mit der Masse gehen, nicht alles einfach wie alle anderen machen möchte, gibt es dann einen Platz für mich? Einen, der Spannung zum Schutz nach außen überflüssig macht, der beweglich ist, mit mir geht, wächst, sich verändert, mich nicht erstickt, einengt oder ausleert. Den möchte ich gerne (finden).
Und jetzt? Ich bin nicht an einer Weggabelung, sondern einfach nur mitten auf einem Weg, der schnurgerade aus geht und ich habe keinen Bock mehr und setze mich am Rand ins Grad und puhle Steine aus der Erde. Hier bleib ich erstmal, dann mache ich mich auf die Suche. Vielleicht finde ich irgendwann, irgendwas, oder auch nicht. Wichtig für mich ist nur, dass ich nicht weiter gelatscht bin und gehofft habe, dass es schon von alleine besser wird.
Diese Gedanken haben wohl kein Ende, daher hat auch dieser Blogpost keines. Ergibt irgendwas davon Sinn? Keine Ahnung, mir auch egal.

1 Kommentar:

  1. Ich kann das so gut nachvollziehen, dieses immer was tun müssen oder können, besonders in der „Freizeit“. Wenn ich nicht aufpasse, erreiche ich auch sehr schnell einen Punkt, an dem die Spannung zu groß wird. Das kommt dann entweder unterschwellig raus (Genervtsein, Aggression) oder überdeutlich (Müde, Abgeschlagen). Aber da erzähle ich dir nichts neues.

    Bei mir ging der Knoten langsam auf, als ich regelmäßig zu meditieren begonnen habe. Nicht, dass die Spannung dadurch verschwunden wäre; nicht, dass dadurch meine Kreativ-Liste, die ich „abarbeiten“ will kürzer geworden wäre. Aber mein Standpunkt zu diesen Auslösern hat sich sehr verändert. Und das löst wiederum die Spannung. Fang mit Headspace an, ist eine tolle Anleitung und Andy Puddicombe hat einen nicht minder tollen britischen Akzent. Das wird dir gefallen.

    > Denn wenn ich aus einer (Lebens-)Situation „raus“ muss, damit es mir wieder besser geht – … sollte nicht eine grundlegende Änderung der Situation erste Maßnahme sein? Denn was passiert sonst, wenn ich gezwungenermaßen, wieder in sie zurückkehre.

    Dann wird die gleiche Routine immer und immer wieder ablaufen. Oder du entscheidest dich an einem bestimmten Punkt auszusteigen. Nämlich dann, wenn du von deiner Ansicht, deinen Gefühlen, dem Hirnfick etc. einen Schritt zurücktreten kannst. Das klappt manchmal. Das klappt manchmal nicht.

    > Aber nie tue ich einfach nichts. Selbst wenn ich denke, gerade einfach nichts zu machen, bin ich in irgendeiner Weise produktiv. Mein Kopf ist nie leer oder unbeschäftigt

    Das ist meiner Meinung nach eh eine in der Gesellschaft stark verbreitete, grundlegend falsche Annahme: man könne „nichts“ tun. Man kann nicht nichts tun. Denn auch, wenn du nichts tust, tust du ja was. Denken, z.B. Aber man kann von diesem Denken, dem Analysieren, dem Abschätzen, der Angst oder Freude über Zukünftiges oder Vergangenes etc. zurücktreten. Da gibt es einen Platz, an dem man ruhig und zufrieden sein kann. Einfach so. Kostenlos. Und der ist immer da.

    Übrigens: Danke für’s Teilen deiner Gedanken!

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