Samstag, 14. Oktober 2017

Das Café Frida ☕️

Hat im Graefekiez in Kreuzberg noch ein Café gefehlt? Eher nicht. Dass es seit ein paar Monaten dort das Café Frida gibt, ist trotzdem ganz schön toll. Ich mag es sehr, wie manche Adressen hier in der Ecke gefühlt schon immer vertreten sind. Dass es Café Goldmaries gibt, die zum Bild des Kiez gehören wie ein 100 Jahre alter Baum, macht die Ecke so zum „Daheim“, das man kennt wie die eigene Handfläche. Doch was ich daneben gleichzeitig sehr schätze ist, dass Leben durch die Straßen fließt – und wo Bewegung ist, passieren Veränderungen. Manches geht, anderes kommt. Schwer vermisst habe ich zum Beispiel lange das Café Graefchen. Erst war es nur zur Renovierung geschlossen, sollte im Frühling vor ein paar Jahren wieder öffnen, doch aus einem kurzen Betriebsurlaub wurde die allerletzte Reise und seitdem gibt es das Graefchen nicht mehr. Oft bin ich da vorbei gelaufen und habe an den Kuchen gedacht und die düster gemütlichen Ecken, den Platz am Fenster, den ich hin und wieder aufgesucht habe, als ich noch an Wochenenden zu Besuch in Berlin war. Doch wer sich immer nur nach hinten umdreht und dem nachguckt, was nicht mehr ist, versäumt alles Neue, das sich entlang des Weges auftut. So oder so ähnlich ist das doch, oder? Und als man vor ein paar Monaten die Graefestraße ein Stück weiter lief, war da plötzlich das Café Frida aus dem Boden gesprießt und hatte es sich in dem kleinen Erdgeschossraum so heimelig gemacht, als hätte es schon immer da gewohnt.

Frida ist natürlich Frida Kahlo. Das lässt zumindest Kahlos Portrait vermuten, das im Café gegenüber des Tresen hängt. Von da schaut sie zu einem rüber, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und hat ein Auge auf die frischen Croissants und Pains au Chocolat, die dort in einem flachen Korb präsentiert liegen. Vielleicht ist Frida aber auch die Großmutter des Besitzers/der Besitzerin, das habe ich nicht erfragt.



Drinnen ist es sehr gemütlich, wie in Fridas Atelier, das jetzt ein Wohnzimmer ist. Das sage ich über so viele Cafés, aber nur dann ist es ein wirklich gutes, wenn ich mich fühle wie daheim. Bei einem Date mit mir selbst saß ich einmal im Fenster, auf einer niedrigen Bank, mit bequemen Kissen im Rücken, von wo aus man den vorbeigehenden Menschen auf die Füße gucken, den Regen beobachten und sehen konnte wie sich Pfützen füllen. Ich hatte ein Buch dabei und meine Ruhe dort auf meinem Fensterplatz. Es war ein Freitagvormittag und wenig los. Die junge Frau, die mein Porridge zubereitete und meinen Saft presste (Karotte, Ingwer, Apfel, Orange – ein Traum in leuchtendem Orange) war so bedacht und gelassen bei ihren Handgriffen, dass es mich selbst noch mehr entspannte. Besonnen und ruhig waren alle, die mich und uns dort bisher bedient haben, das war sehr angenehm. Auch an einem sehr geschäftigen Samstagmorgen bekam ich ein mit der gleichen Sorgfalt zubereitetes Frühstück.



Das Lied von der Gentrifizierung möchte ich euch jetzt nicht vorsingen, das kann ich selbst nicht mehr hören. Wenn einer dieser aalglatten, hippen Läden, der nicht in die eigentlich etwas schnoddrige Gegend passt, wo es Flat White gibt für 4€, dann aber eingeht nach sechs Monaten, will ich mich heimlich doch ein bisschen freuen. Stattdessen versuche ich aber lieber immer da besonders zu lauschen, wo sich leise Schützenswertes entwickelt, das Vielfalt zulässt, wünscht und kultiviert. Denn in besagte hippe Läden mag ich gar nicht erst gehen, wenn ich mich beim Vorbeilaufen schon schäbig und übrig geblieben fühle.
Was uns dagegen bei einem der Frida-Besuche auffällt, als sehr positiv und (leider) außergewöhnlich: Draußen sitzt ein Pärchen, Mitte 50, in Funktionsjacke und Jeans, gebeugt über Kaffee und Croissant. Die beiden beeiern sich über irgendwas. Warum ich das mag? Weil ich dann meine Zukunft sehen kann, hier auf dem Fleckchen dieser Stadt. Nicht wegen der Funktionsjacke, die ist schon meine Gegenwart, sondern weil eine Altersvielfalt ein nach vorne schauen ist. Wenn ein Teil der hier Lebenden mit einem älter wird und man nicht auf ewig von sich selbst erneuerndem hippen Mittzwanzigertum umgeben ist, fühlt man sich statt übrig geblieben dazugehörig und im Fluss mit dem Leben der Stadt.

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