Samstag, 17. Februar 2018

still not a minimalist 〰️

Vor ungefähr zwei Jahren habe ich hier zum ersten Mal von meiner Declutter-Reise erzählt. Heute gibt es ein Update, eine Zwischenbilanz.
Ich besitze weniger als jemals zuvor, glaube ich. Dennoch fühle ich mich regelmäßig von der Menge meiner Sachen überwältigt. Aber nicht nur davon – auch Konsum und Verbrauch generell belasten mich oft. Was für ein unfassbares Luxusprobelm. In Berlin leben Menschen ohne Wohnung, die alles, was sie besitzen, in einem Rucksack oder zwei Ikea-Tüten tragen können und ich habe Probleme, meinen Kram für eine Reise von sechs Tagen unter der 20kg- und ein-Gepäckstück-Grenze zu halten. Ein weiterer Aspekt der ganzen Decluttering-Thematik: Wenn ich Dinge wegwerfe, verschenke oder spende, mache ich sie erst einmal zum Problem anderer, Dritter. Oftmals derer, die schon zu Beginn der Kette unter meinem Konsum gelitten haben. Erst viele Schritte später, die alle wiederum Ressourcen verbrauchen, bekommt das, was ich nicht mehr haben wollte, eventuell die Chance, noch einmal jemandem zu nützen.
All das spielt in eine Gedankenspirale, in die ich manchmal gerate, wenn ich mich mit Themen wie Konsum und Minimalismus in meinem Leben auseinandersetze.

Oft komme ich mir vor wie die Verwalterin meiner Sachen. Als besäße nicht ich meinen Kram, sondern er mich. Meine Klamotten wollen gewaschen, aufgehängt, zusammengelegt und verräumt werden. Meist lese ich vier Bücher parallel (an verschiedenen Orten in der Wohnung) – die Bücher schleppe ich also von Couch 1 zum Bett, zu Couch 2, zurück zum Bett und schließlich wieder zu Couch 1 und frage mich spätestens dann, warum ich nicht einfach nur ein Buch lese, bis ich damit fertig bin und erst dann ein neues anfange. Außerdem muss ich mich darum kümmern, dass mein Handy, meine elektrische Zahnbürste, meine Kamera und meine drahtlosen Kopfhörer geladen sind – und natürlich meine Power-Bank! Falls ich mal vergessen haben sollte, alles o.g. zu laden. Auch die verschiedenen dafür nötigen Netzteile muss ich irgendwie geordnet aufbewahren, sodass ich sie wiederfinde.
Vieles davon ermöglicht mir schlicht Komfort und ließe sich wohl einfach abschaffen – wenn ich denn weniger bequem wäre, oder wie im Falle der Bücher in der Lage, mich festzulegen.
Solche Beobachtungen lassen mich feststellen, dass ich von Minimalismus weit entfernt bin. Oder zumindest von der Capsule-Wardrobe-ich-habe-nur-zwei-paar-Schuhe-und-esse-immer-vom-selben-Teller-Variante, die natürlich nur eine von vielen Formen des Minimalismus ist.
Ich würde durchaus behaupten, dass ich einen Blick fürs Wesentliche habe und mich auf Relevantes beschränke, statt zu viel materielle Nebengeräusche entstehen zu lassen. Dennoch ist diese Art von Minimalismus, die ich so stark mit Verzicht assoziiere, irgendwie nichts für mich. Denn in den meisten Bereichen mag ich Vielseitigkeit und Abwechslung, selbst wenn ich meinen Tee immer aus derselben Tasse trinke. Überflüssigen Schnick-Schnack kann ich nicht leiden, dennoch mag ich meine knick-knacks – die kleine Porzellaneule vom Flohmarkt in Paris oder die Broschüre des Harry-Potter-Theaters aus London. Das sind mir wichtige Kleinigkeiten, an denen etwas noch viel Wertvolleres hängt: Erinnerungen. Ich muss das eine oder andere Teil nur im Augenwinkel sehen und schon klappt sich in meinem Kopf Pop-Up-Buch mäßig der England-Urlaub 2015 aus. Auch von Dingen aus dieser Kategorie habe ich mich bereits getrennt in der Vergangenheit und die Tatsache, dass ich jetzt spontan nicht sagen kann, was das genau gewesen ist, versichert mir, dass es wohl nicht schade drum war. Durch diese Erfahrungen drängt sich aber wiederum die Frage auf, ob ich nicht doch noch ein paar weitere Dinge loswerden könnte. Ob ich wirklich schon an der Decluttering-Endstation angekommen bin. Aber gibt es die überhaupt? Wenn ja, dann lege ich ja selbst fest, wann ich „nur noch“ habe, was ich wirklich haben möchte oder „brauche“. Auf meine eigene Einschätzung kann ich mich dabei aber irgendwie nicht verlassen, denn momentan bin ich die meiste Zeit wie paralysiert von all meine Sachen. Obwohl ich, wie gesagt, weniger besitze als jemals zuvor. Trotzdem starre ich dann auf mein locker befülltes Bücherregal, meinen übersichtlichen Kleiderschrank, meine halbleere Kosmetikschublade und suche nach Überflüssigem, das ich noch loswerden könnte.

Dass das kein ungewöhnliches Phänomen ist, wenn man sich mit dem Thema Decluttering eine Weile auseinandersetzt, habe ich schließlich entdeckt, als ich eigentlich auf der Suche nach weiteren Tipps zum Thema Minimierung wieder einmal bei Marie Kondo stöberte. Sie gab den Anstoß, beim Blick auf die eigenen Sachen, doch auf das zu schauen, was man mag und gerne besitzt und benutzt, statt in all dem zu suchen, was man möglicherweise noch loswerden könnte. Denn so ist man ja ständig von potentiell völlig Überflüssigem umgeben, statt den Nutzen und die Freude in seinen Sachen zu sehen. Das klingt jetzt vielleicht, als negierte es die ganze „Only keep what sparks joy“-Argumentation. Denn von dort kommt man ursprünglich ja eigentlich und hat nun lange Zeit seinen Kram kritisch beäugt, angefasst, gedreht, gewendet und rausgefunden, was man wirklich mag und behalten möchte und was nicht. Jetzt plötzlich soll ich in allem Übriggebliebenen ausschließlich seinen Mehrwert sehen und bloß keine Last?
Und wieder muss ich einschieben: Was für ein verdammtes Privileg, sich darüber den Kopf zerbrechen zu können. Ehrlich, ich schäme mich. Der ganze Minimalismus-Lifestyle-Hype ist ein solcher Luxus. Es gibt Menschen, die haben keine Wahl. Die entscheiden nicht bewusst, dass sie ihre Garderobe verkleinern und mit einem Paar Schuhe fürs ganze Jahr auskommen wollen #minimalism – die können sich einfach nicht mehr leisten.

Ich hab keine Lösung für all das, muss ich leider zugeben. Also wer bis hierher gelesen und gehofft hat, ich könne einen Ausweg präsentieren: Nope.

Still not a minimalist also. Die größte und nachhaltigste Chance sehe ich nach wie vor im Nichts-Kaufen bzw. im Kaufen von Gebrauchtem. Das beim Thema Kleidung anzuwenden, soll eines meiner Experimente 2018 sein. Idealerweise kaufe ich gar keine Kleidung – und wenn doch, dann nur 2nd hand. Ich bin gespannt, wie weit ich damit komme und ob ich mich irgendwann wohl- und entspannt fühlen kann in der Gesellschaft meiner Sachen. ✌️

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