Samstag, 9. Juni 2018

… ein Ausflug ins Bode-Museum 🎟

Dass ich mir mit meiner neuen Jahreskarte fĂŒr die Berliner Museen alle vierzehn Tage ein anderes Museum vornehmen wĂŒrde, hatte ich so tatsĂ€chlich nicht geplant. Bisher bin ich aber gut auf Kurs und habe eine Woche nach meinem Besuch in der Alten Nationalgalerie einen Ausflug ins Bode-Museum gemacht. An dem bin ich durch Arbeits- und Mittagspausenspazierwege in den letzten drei Jahren zwar ungefĂ€hr 200x/Jahr vorbeigelaufen, drin war ich aber noch nie. Nach einem obligatorischen Besuch im Lieblingsmuseum, der Alten Nationalgalerie, um die Jahreskarte einzuweihen, war es also an der Zeit, den eindrucksvolle Kuppelbau auch mal von Innen zu sehen.

Was ich ad nauseam wiederholen könnte (und auch jetzt wieder erzĂ€hle) ist, wie sehr ich die AtmosphĂ€re in alten GebĂ€uden, die Museen sind, liebe. Die angenehme KĂŒhle innerhalb der dicken Steinmauern, die einem von den Marmorböden aus an den Beinen nach oben schleicht – oder der Geruch von geöltem Parkett und mit Stoff verkleideten WĂ€nden, an denen GemĂ€lde hĂ€ngen. An einem heißen Sommertag wie heute ĂŒbt ein Bau wie das Bode-Museum mehr Anziehung auf mich aus als ein Freibad.



Das Bode-Museum gibt es seit 1904. Damals wurde es als Kaiser-Friedrich-Museum eröffnet – den Namen des Kunsthistorikers Wilhelm von Bode, dessen Skulpturen- und GemĂ€ldesammlung im Museum Platz fand, bekam es erst 1956.

Anders als ursprĂŒnglich vorgesehen beherbergt das GebĂ€ude […] nun vor allem die Skulpturensammlung und das Museum fĂŒr Byzantinische Kunst. Etwa hundertfĂŒnfzig Werke aus dem Bestand der GemĂ€ldegalerie, die sich seit 1998 am Kulturforum am Potsdamer Platz befindet, bereichern die PrĂ€sentation der Skulpturen. Das MĂŒnzkabinett zeigt im Bode-Museum seine metallene Chronik der Menschheitsgeschichte.
Staatliche Museen zu Berlin: Das Bode-Museum


Worauf ich mich bei meinem Besuch konzentriert habe, waren die auf dem Lageplan farblich markierten Bereiche der aktuellen Sonderausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“.
Ich gebe ungeniert zu, dass ich „Skulpturen und so“ eher halbspannend finde und mir eigentlich lieber GemĂ€lde ansehe. Was ich aber in der Afrika-Sonderausstellung im Bode-Museum entdecken und lernen durfte, hat mich ehrlich fasziniert. In meiner Kindheit bin ich mit meinen Eltern oft im sĂŒdlichen Afrika unterwegs gewesen – einen Zugang zu dem Kontinent finde ich also im ĂŒbertragenen und buchstĂ€blichen Sinne und finde die Weltanschauungen, die teils auch in der Austellung herausgearbeitet wurden, lebenszugewandter und fĂŒr mich persönlich ansprechender als die unseren, westlich europĂ€ischen. Dazu aber spĂ€ter mehr.

In der Ausstellung werden Werke aus zwei Kontinenten – Afrika und Europa – stets paarweise gegenĂŒbergestellt. Diese GegenĂŒberstellungen finden sich auf den beiden Hauptetagen inmitten der ĂŒbrigen Dauerausstellung, sodass selbst die Platzierung der Exponate – nicht isoliert von allen ĂŒbrigen, aber unter (scheinbar?) thematisch völlig anderen Werken – noch stĂ€rker zum Vergleich drĂ€ngt. Dieser findet auf verschiedenen Ebenen statt und so fallen Gemeinsamkeiten und wie Kontraste auf. Gleichzeitig wirkt zum Beispiel die Platzierung der Mangaaka-Kraftfigur (s.u.), in der unzĂ€hlige EisennĂ€gel stecken, neben in sieben Quadratmeter Holz geschnitzten und mit Blattgold bedeckten Altarfiguren wie ein sehr starker Bruch. Ganz zu schweigen vom ihr zugeordneten Vergleichsexponat, der Schutzmantelmadonna, die da unter ihrem sachte ausgebreiteten Mantel locker eine grĂ¶ĂŸere Gruppe Schutzsuchender versammelt. Dieser Bruch lĂ€sst uns wissen: Ein Vergleich ist nicht möglich. Denn wenn wir ĂŒber Vergleiche sprechen – im Besonderen die von Kulturen – gilt es zu bedenken, dass diese nie wertfrei stattfinden und keineswegs objektiv sein können. Darauf weist auch das Informationsmaterial der Ausstellung hin:

Der Prozess des Vergleichens und des Zuordnens ist also kein neutraler, sondern ist geladen mit gesellschaftlich geprÀgten Vorurteile, Konventionen und Geschichtskonstruktionen. Er ist auch stark abhÀngig von den Erfahrungen der Menschen, die den Vergleich anstellen. Die Aussage, ob Sachen Àhnlich oder andersartig sind, hat oft auch mit Macht zu tun.
Staatliche Museen zu Berlin: Unvergleichlich – Kunst aus Afrika im Bode-Museum



Die gegenĂŒbergestellten Einzelwerke auf den beiden Hauptetagen werden durch die „Unvergleichlich“-Sonderausstellung im Untergeschoss erweitert. Hier werden breitere Themen wie Gender/Geschlecht, Anderssein, Performance und Tod und Abschied zwischen Afrika und Europa kontrastiert.


Hier komme ich nun noch einmal zu Einzelaspekten und Anschauungen afrikanischer Kulturkreise, die sich fĂŒr mich, wie eingangs erwĂ€hnt, lebenszugewandter und instinktiv vertrauter und „richtiger“ anfĂŒhlen als die ein oder andere westlich/europĂ€ische Auffassung. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir beispielsweise beim Thema Geschlecht und MultiplizitĂ€t der Person, dass im Königreich Bamum, einem kleinen Staat im heutigen Kamerun, soziale Positionen getrennt vom biologischen Geschlecht und zudem vererbbar waren. Ein Mann konnte also die soziale Position einer Frau erben und umgekehrt. Innerhalb dieser vererbten Position wurde ein Mann dann auch als Frau angesprochen oder eine Frau als Mann. FĂŒr unsere Gesellschaft „neue Rollenverteilungen“ (stellt euch noch mehr AnfĂŒhrungszeichen da außenrum vor) wie die der „working-mum“ oder des „stay-at-home-dads“ waren bei den Bamum im 14./15. Jahrhundert also schon ein alter Hut und das Thema gender-fluidity sagt auch Guten Tag.



Last but not least: Abschied. In der afrikanischen Kunst findet keine Darstellung von Tod und Abschied statt, die vergleichbar wĂ€re mit z.B. einer trauernden Maria, die wehklagend den toten Jesus in ihren Armen hĂ€lt—. Im westlichen Glauben bedeutet der Tod einer Person, die Trennung von dem Menschen, im afrikanischen Kulturbereich wird hingegen eine aktive Beziehung mit den Ahnen gepflegt. Sie werden unmittelbar nahe zum Wohnort begraben und man glaubt an ihren positiven Einfluss auf Gegenwart und Zukunft. Und klar, das ist jetzt eine Wertung und völlig subjektiv, aber diese Sichtweise will ich mir gerne ausleihen. ☁️


Obwohl mich zugegebenermaßen das GebĂ€ude selbst mehr zum/ins Bode-Museum gezogen hat als alles, was ich darin erwartet hatte, bin ich nach den Stunden in den Ausstellungen ehrlich begeistert wieder nach Hause gegangen. Das Vergleichsexperiment der Sonderausstellung fand ich gewagt und kreativ. Ohne im Ansatz zu wissen, wie viel Vorbereitungsarbeit und wertvolle Zeit vieler Menschen, die sich auf ihrem Gebiet sehr gut auskennen, in ein solches Projekt fließt, stelle ich mir vor; am Anfang stand eine Idee und jemand, der/die gesagt hat „Das machen wir jetzt einfach.“
Ich hab was gelernt und das freut mich und jetzt will ich mehr.

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