Samstag, 18. August 2018

48h Wien ✨🇩đŸ‡č

„Ganz alleine?!“, fragte mich eine Freundin in der 9. Klasse einmal als ich erzĂ€hlte, dass ich „alleine“ im Kino gewesen war. Mir fiel darauf nicht so wirklich eine Antwort ein (außer „ … ja?!“), denn ich wusste damals noch nicht, dass ich alleine sein wollen „darf“ – dass das nichts mit meinem GefĂŒhl zu anderen zu tun hat, nur mit meinem GefĂŒhl zu mir selbst. Ich mag mich und verbringe gerne Zeit mit mir. Gemeinschaft, Gesellschaft, Familie, Freunde, innige Verbindungen zu anderen Menschen, all das ist wertvoll, wichtig und soll außer Frage stehen. Doch Beziehungen zu anderen sind nie „fĂŒr immer“ und das zu erkennen ist nicht unromantisch, pessimistisch oder sonstwie misantroph – es erkennt einfach die Tatsache an, dass Menschen sich verĂ€ndern und damit auch die Beziehungen, in denen sie sich befinden. Die können bestehen, bis „ans Ende“, werden aber nie dieselben bleiben, sondern sich unentwegt wandeln. Das meine ich unter anderem damit, dass nichts „fĂŒr immer“ ist. Der einzige Mensch, mit dem man tatsĂ€chlich tĂ€glich, ohne Unterbrechung, bis zum Ende und „fĂŒr immer“ zusammen ist und sein wird, ist man selbst. Warum also nicht diese Beziehung pflegen? Sich selbst der beste Freund/die beste Freundin sein, Zeit mit sich verbringen, sich wirklich kennen- und lieben (lernen)?
Das hĂ€tte ich der Schulfreundin damals gerne gesagt, aber ich konnte den Impuls in mir, der mich auch alleine wollen sein ließ und mir dabei Geborgenheit und innere Ruhe vermittelte, nicht in Worten ausdrĂŒcken.


Eine Randnotiz: Mit all dem möchte ich nicht darĂŒber hinweggehen, dass es so etwas wie „Einsamkeit“ gibt. Das alleine sein fĂ€llt mir aufgrund meines Charakters ohnehin sehr leicht, zudem ist es aber eine Wahl, die ich treffe. Ich bin per se nicht „alleinealleine” und entscheide mich aus dieser Lebenssituation heraus gezielt fĂŒr Alleinzeit. Worum es mir einfach geht ist: Alleine mit sich sein ist sehr aufschlussreich und heilsam und bringt einen nicht zuletzt auch in Beziehungen mit anderen weiter. Es ist nicht „verkehrt“ alleine sein zu wollen. Unsere Gesellschaft pusht uns nur einfach in Richtung Geselligkeit, 1007 Freunde und busybusybusy … trotzdem bitte Mindfulness und #selfcare nicht vergessen. Der ganze in sich schon wiedersprĂŒchliche Strudel vertrĂ€gt sich dann so gar nicht damit, alleine in einem Restaurant beim Abendessen oder im Kino sitzen zu wollen. Aber egal, einfach trotzdem machen, wenn man möchte.
Und um nun endlich auf Wien zu kommen: Da wollte ich hin. Da war ich. Alleine, mit mir.

Wien ist unvorstellbar schön und beeindruckend. Ich war ehrlich völlig platt. (Und dabei noch so sauber und aufgerĂ€umt! 😭 Damit kriegt man mich (seit ich in Berlin lebe) immer!). Bei StĂ€dtereisen bin ich fĂŒr gewöhnlich unersĂ€ttlich und trabe auch nach 8 Stunden Sightseeing mit großer Freude noch in Museum Nr. 5. Der unsĂ€gliche Supersommer wollte es aber so, dass ich bei 33°C durch die aufgeheizten Wiener Gassen – mehr watschelte als trabte – und wĂ€hrend meines Wochenendes in der Stadt generell mehr Schweiß als Entdeckungsenergie floß. Ich erlaubte mir also ausgiebige Verschnauf- und MittagsschlafpĂ€uschen im Stadtparkt oder extralange Besuche im klimatisierten Museum, wo ich auch manchmal einfach eine halbe Stunde auf dem bequemen Sessel vor einem GemĂ€lde sitzen und alles sacken lassen durfte. ✨



Meine erste Station an Tag 1: der Naschmarkt – es war Samstag und daher auch Flohmarkt. Zuerst bahnte ich mir also meinen Weg durch unendlich viel Krimskrams, Kleidung und Möbel, bis ich zwischen den Buden an den ĂŒppigen Obst-, GemĂŒse, Antipasti- und SĂŒĂŸigkeiten-Auslagen vorbeikam und mir von allen Seiten Oliven, Hummus, Melone, Mango und tĂŒrkischer Honig angeboten wurde, begleitet von „Hallo bitte probiere probiere beste Mango supersĂŒĂŸ Supermango.“



Was mir bei Reisen grundsĂ€tzlich schwerfĂ€llt, ist Dinge auf mich zukommen zu lassen und einfach „mit dem Flow“ zu gehen. Hin und wieder schaffe ich das, doch im Großen und Ganzen bin ich groß „S“ Superorganisiert und vorbereitet, weiß also Wochen im Voraus um wieviel Uhr ich vor welcher Galerie sein werde, um langes Anstehen zu vermeiden. Die Eintrittskarte dafĂŒr habe ich natĂŒrlich (auch Wochen im Voraus) schon online gekauft. Mit der Methode vermeidet man zwar tatsĂ€chlich oftmals Anstehzeit oder die EnttĂ€uschung, wenn Museen/CafĂ©s/GeschĂ€fte geschlossen haben, doch enthĂ€lt sie einem auch Spontanentscheidungen und Zufallsentdeckungen vor. Ich lerne diesbezĂŒglich noch und versuche mich mittlerweile an einer Mischung aus „gut vorbereitet“ und sich einfach treiben lassen.
Meiner guten Vorbereitung war es jedenfalls geschuldet, dass ich vom Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek gelesen und den als must-see auf meine Liste gesetzt hatte. (Und ja, ich hatte tatsĂ€chlich eine physische Liste dabei … einen Zettel mit was/wann/wo – wie gesagt, ich lerne noch. đŸ§˜đŸ»)





„Nur gucken, nichts anfassen.” ist Programm in der Bibliothek. Wer also hofft, einen der alten BĂ€nde aus dem Regal nehmen und darin blĂ€ttern zu können, hat Pech. UrsprĂŒnglich dachte ich, die Bibliothek sei in Betrieb und ein Teil der Uni-BĂŒcherei, aber der frĂŒhere Prunksaal ist tatsĂ€chlich einfach eine Ausstellung mit reichlich Hintergrundinformation, aufbereitet auf Schautafeln und in Vitrinen. Der Saal ist sehr beeindruckend, ein Besuch lohnt sich also auf jeden Fall – nicht nur fĂŒr Bibliophile.


Eine weitere gezielt angesteuerte Adresse war die simply raw bakery – ein CafĂ© mit (roh) veganen Speisen, wo ich frĂŒhstĂŒcken ging. Das CafĂ© liegt im 1. Bezirk etwas versteckt in einer kleinen Gasse. Die Lage ist sehr ruhig und etwas abseits des Touristentrubels. (Das wollen Touristen ja immer. Bloß keine anderen Touristen sehen.) Am spĂ€ten Samstagvormittag war es noch kĂŒhl dort im Schatten und wirklich entspannt und die wunderschönen HĂ€userfassaden haben mich an Paris erinnert.
Was hab ich bestellt zum FrĂŒhstĂŒck? Green Smoothie, natĂŒrlich. Und eine frozen AçaĂ­ Bowl. #basic đŸ€·đŸ»‍♀️

Und wohin als nĂ€chstes? Auf meiner Liste standen (obviously) einige BuchlĂ€den, die ich am Samstag abklappern wollte – Museen etc. hatte ich fĂŒr den Sonntag vorgesehen. Auf Shakespeare & Company wĂ€re ich ohne Vorabrecherche wahrscheinlich nicht gekommen, denn der Laden lag (in einer kleinen Gasse) etwas versteckt. đŸ€·đŸ»‍♀️
Wie nicht anders zu erwarten, fĂŒhrt Shakespeare & Company (glaube ich) ausschließlich englischsprachige Literatur. In dem Laden findet sich kein Quadratzentimeter, der nicht von BĂŒchern belegt ist. FĂŒr mich war die Buchhandlung eine wunderbare Ruheoase an diesem Sommersamstag in Wien, wenn es in der Stadt auch sehr einfach ist, dem regen Touristentreiben zu entkommen. Ein leeres GĂ€sschen, in dem man kurz durchatmen kann, findet sich immer. ✨



Eine weitere Ruheoase ist der Wiener Stadtpark – den suchte ich auf, als am frĂŒhen Nachmittag mein Entdeckungsakku wirklich beinahe leer war und die Hitze mich zu einem spĂ€ten MittagsschlĂ€fchen inspirierte. Und einen solchen kann man auf dem schattigen Rasen beim Ententeich prima machen. Dass ich bei einem StĂ€dtetrip tatsĂ€chlich Zeit, in der ich ein weiteres Museum hĂ€tte besuchen können, auf dem RĂŒcken in einem Park lag, ist eher außergewöhnlich. Aber auch das will ich versuchen zu lernen: Man wird nie „alles“ sehen können, warum sich also nicht eine Pause und Nichtstun gönnen.



Irgendwann höre ich wieder auf, ĂŒber die Hitze zu reden, aber bis dahin: Meine Verschnaufpause im Park reichte gerade, um mich ein kleines StĂŒck durch die Stadt bis zur Uni und in ein klimatisiertes CafĂ©/Restaurant zu bringen. Dort war dann StĂ€rkung in Form eines vegetarisch/veganen Buffets fĂ€llig und oh, es war so gut. Die Temperaturen bringen wirklich das Schlechteste in mir zum Vorschein. Ich bin quasi konstant quengel-unzufrieden wie eine VierjĂ€hrige, die ihren Mittagsschlaf ausgelassen hat und dann nicht weiß, gegen wen sie ihren Zorn richten kann. Beim Wetter ist das fĂŒr mich Ă€hnlich, denn fĂŒr das kann ja niemand was.
Bei yamm! habe ich jedenfalls gemerkt, wie positiv sich ein gut temperierter Raum im Zusammenspiel mit Essen auf mein GemĂŒt auswirkt. Danach war alles wieder 💯.



Die Touristen-Sightseeing-Superpower ist frĂŒh aufstehen und schon unterwegs sein und in der Schlange fĂŒr irgendwas stehen, wenn die AnfĂ€nger-/Teilzeittouris noch im Hotel beim FrĂŒhstĂŒck sitzen. Hab ich auch bei meinem Trip zum Schloss Schönbrunn angewendet, war aber nix. UnzĂ€hlige Reisegruppen und Profitouristen hatten sich bereits versammelt und die „Ticket-Halle“ geflutet. Ich war ein wenig entsetzt von den Touristenabfertigungsanlagen, muss ich sagen. Aber anders wird man den Massen wohl nicht gerecht. Die Schloss-Tour habe ich daher jedenfalls ausgelassen und bin nach hinten in die Gartenanlagen spaziert. Dort war es wie erhofft sehr ruhig und erholsam und ja, auch ĂŒber ein VormittagsschlĂ€fchen unter einem der schönen BĂ€ume habe ich nachgedacht … die Hitze.




Nach einer guten Stunde in den Parkanlagen und einem Postkarteneinkauf im Schönbrunn-Shop (đŸ‘») hab ich das Schloss also wieder den anderen dreizehn Millionen Menschen ĂŒberlassen und bin zurĂŒck in die Innere Stadt gegondelt. FĂŒr den Sonntag stand das Kunsthistorische Museum auf dem Plan – darauf hatte ich mich seit der Reisebuchung gefreut, denn als ich online Fotos von den AusstellungsrĂ€umen des Museums gesehen hatte, wĂ€ren mir beinahe die Augen ausgefallen. 👀




Was fĂŒr ein Palast. Der Eintrittspreis von 15€ ist recht stolz, aber nachdem ich den Eingangsbereich betreten und die Marmortreppen nach oben gegangen war, dachte ich mir „Nehmt mein Geld, ich bleibe den ganzen Tag.“
Auf drei Stockwerken finden sich im Kunsthistorischen Museum die GemĂ€ldegalerie europĂ€ischer Malerei, das MĂŒnzkabniett, eine Ägyptisch-Orientalische- und eine Antikensammlung. „Da ist dann wirklich fĂŒr jeden was dabei.“ Und beschĂ€ftigt wĂ€re man definitiv mindestens drei volle Tage.
Angefangen habe ich im ersten Stockwerk, bei der niederlĂ€ndischen, flĂ€mischen und deutschen Malerei. Nach einer FrĂŒhstĂŒckspause im MuseumscafĂ© war die italienische, spanische und französische dran. Insgesamt bin ich 2x durch die komplette GemĂ€ldegalerie gelaufen. Einmal in die eine, einmal in die andere Richtung. Ich finde, man ist nie gleichbleibend aufmerksam beim Besuch von Ausstellungen, geht ja gar nicht … – was ich in einem der letzten RĂ€ume sehe, nehme ich fĂŒr gewöhnlich weniger oder gar nicht auf, wohingegen ich anfangs noch wie ein Schwamm bin. Daher also der Doppellauf – mal links-, mal rechtsherum. Und ganz ehrlich konnte ich einfach nicht genug bekommen.





Das Museum hat mich wirklich erfĂŒllt. Ich kann es gar nicht beschreiben. Wie kommt es, dass Kunst einen glĂŒcklich macht? Aber nicht nur die, sondern auch ein GebĂ€ude wie dieses Museum. Zwischendurch saß ich einfach eine Weile auf einem der schweren Samtsessel, die mittig in den SĂ€len stehen und ließ alles auf mich wirken.
Nach der ersten Runde GemĂ€ldegalerie konnte ich einem FrĂŒhstĂŒck im MuseumscafĂ© nicht widerstehen. Wie ein traditionelles Wiener Kaffeehaus sieht es aus – so stelle ich es mir zumindest vor. Einen Platz am Fenster konnte ich ergattern, mit Blick auf das Naturkundemuseum direkt gegenĂŒber.




TatsĂ€chlich hĂ€tte ich den ganzen Tag im Kunsthistorischen Museum verbringen können, aber am Nachmittag lockten mich schließlich noch weitere SehenswĂŒrdigkeiten und mein Appetit auf Eiskaffee zurĂŒck in die Innenstadt. Schon am Vortag hatte ich versucht, im CafĂ© Central, einem traditionellen Wiener Kaffeehaus, den Fuß in die TĂŒr zu bekommen. Aber vor ebendieser standen sowohl Samstag als auch Sonntag ungefĂ€hr genauso viele Menschen wie mir schon am Schloss Schönbrunn begegnet waren. Ich war auf besagten Eiskaffee aus und irgendein absurdes Konditor-Törtchen. Beides fand ich am Ende gegenĂŒber der Hofburg im CafĂ© Klimt. Sahne und Zucker im Quadrat. 🍰



Nach meinem CafĂ©besuch schlenderte ich durch die Gassen der Innenstadt und ließ mich tatsĂ€chlich einfach mal treiben, ohne ein konkretes Ziel im Blick zu haben. Schlussendlich landete ich wieder im Stadtpark und auf einer Bank beim Ententeich, wo ich zwei Stunden mit meinem Buch saß, ein wenig las und Menschen beobachtete. Das Schönste an Urlaub und am „nicht zuhause sein“: Dass man nicht ĂŒberall Arbeit liegen und warten sieht und sich nicht auf Tun konzentrieren muss, sondern sich nur auf Sein einlassen kann. ✨


Wien, du warst so wunderbar. Ich komme sicher wieder. Nur machs dann bitte nicht so heiß!

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