Sonntag, 5. Mai 2019

Zwei Tage in Bad Tölz – oder: zum „Tölzer Veg“ im Isarwinkel 🥨✨⛰

Von der Stadt Bad Tölz wurde ich auf eine individuelle Recherchereise eingeladen – dieser Blogpost ist nicht gesponsert.

Davon dass Bad Tölz wunderschön ist, musste man mich nicht mehr überzeugen, denn als Münchner Kindl war die idyllische Voralpenstadt im Isarwinkel für mich ein beliebtes, regelmäßiges Ausflugsziel – mindestens zum jährlichen Christkindlmarktbesuch in der urigen Martkstraße. Seit ich aber Berlin mein Zuhause nenne, ist eine Auszeit im Voralpenland keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine halb nostalgische und wirklich besondere Reise zu Langsamkeit und Ruhe. Einfach mal nichts zu hören, außer Vogelgezwitscher, Isarrauschen und Glockenläuten ist alleine schon den Weg nach Bad Tölz wert.

Bekannt ist Bad Tölz ja dank des Bullen von Tölz wahrscheinlich auch an der nördlichsten Grenze Deutschlands – als Kind meine absolute Lieblingsserie (neben Peter Steiners Theaterstadl – ehrlich, Hand aufs Herz), sehr zur Freude meiner Eltern, die sich auch die Wiederholung von der Wiederholung mit mir anschauen mussten. Doch auch wenn meine frühere Bullen-Begeisterung von unserem Bad Tölz Besuch neu angeregt wurde, ging es in erster Linie nicht um die popkulturelle Bedeutung der Stadt, sondern um ihren Wert als Ort der Erholung für Körper, Geist und Seele.

„In Bad Tölz findet jeder Mensch seinen Weg“, sagt unsere Stadtführerin Angelika Schmidt, die sich gerne auch „Stadtversucherin“ nennt und ihre Gäste einlädt, Bad Tölz doch einmal „zu versuchen“. Wege gibt es tatsächlich viele in und um Bad Tölz – und damit sind nicht nur die vielen Heilklimawege gemeint, sondern auch die ganz persönlichen Wege, die sich manchmal erst auftun, wenn man die eingetretenen Pfade verlässt und einmal nach Innen schaut.







Wir wohnten in Bad Tölz nahe des Kurparks in der Pension Sibylle. Direkt vor dem Gartentürchen führt ein kleiner Weg vorbei, auf dem man rechts herum nach 3km den Fuß des Blombergs erreicht – biegt man stattdessen links ab, gelangt man durch eine wunderschön bepflanzte Fußgängeranlage zur Isar und in die Altstadt. In den kleinen Gassen der Stadt fahren fast keine oder nur sehr wenige Autos – die Einzelhandelslandschaft ist übersichtlich und individuell, Ketten sind kaum vertreten. Wer im Alltag unter visueller und akustischer Reizüberflutung leidet, bekommt in Bad Tölz quasi Yoga für Augen und Ohren. Die farbenfrohen, giebelständigen Häuser neobarocken Stils links und rechts der Marktstraße, mit ihrer flachen Dachneigung und alpenländischen Details, hat Bad Tölz seinem Architekten und Stadtbaumeister Gabriel von Seidl zu verdanken. Selbst wer nicht für die Naturerlebnisse des Tölzer Umlands in die Gegend kommt, findet in den Gassen der Stadt und im Museum also genug zu entdecken.



„Man muss nur rausgehen und tut sich schon was Gutes“, sagt uns Gabi Peters von der Tölzer Tourist-Information. Das liegt vor allem am Tölzer Heilklima, einem Zusammenspiel aus milder Sonneneinstrahlung, bestimmten Windbegebenheiten, schadstoffarmer Luft und einer Landschaftsstruktur, die – wie bei uns einfach vom Gartentürchen weg –, je nach Gemütslage und Tagesform immer den passenden Weg bereit hält.
Bewegung und Entspannung finden kann man in Tölz also auf rund 350 Kilometern Heilklimawanderweg, auf dem Radsattel, an den Ufern der Isar oder beim Yoga, Pilates und Qigong. Der Dreiklang aus Bewegung, Entspannung und Ernährung ist auch der Rahmen des seit 2013 jährlich stattfindenden „Tölzer Veg“ – der veganen Auszeit in Bad Tölz. Sie war der Anlass für unseren Besuch in Bad Tölz. 
Die vierwöchige Veranstaltung ist jedoch keineswegs ein reines Ernährungsprogramm – angeboten werden neben Kochkursen, Vorträgen und Kräuterexkursionen auch Sport- und Entspannungsworkshops.
Unser „Tölzer Veg“ wurde mit einer Kräuterwanderung eingeläutet, die wir mit Inge Bock unternahmen, einer Kräuterpädagogin des Kräuter-Erlebnis-Zentrums Bad Tölz. Wir gingen von unserer Pension nur wenige Minuten und am Tölzer Einbach entlang und hatte nach knapp zwei Stunden mehr als acht verschiedene Wildkräuter entdeckt, bestimmt und gesammelt. Die kleine Exkursion war eines der Highlights für mich – die Natur bietet uns so viel, wir müssen uns nur interessieren und genau hinsehen und können buchstäblich am Wegesrand wahre Schätze finden. Eine kleine Kräuterkunde habe ich ganz am Ende angefügt. 📝🌿


Als ich das erste Mal von der veganen Auszeit in Bad Tölz hörte, war ich ehrlich gesagt überrascht. Eine solche Initiative hätte ich spontan einer oberbayerischen Stadt am Alpenrand nicht zugetraut – wird man ja selbst in München oft noch irritiert angeschaut, wenn man im Café nach Hafermilch fragt. Meiner Erfahrung mit der bayerischen Mentalität nach ist mit Gerichten wie dem Schweinebraten, der Weißwurst oder dem Wurstsalat lokalpatriotisch Identität verbunden, um deren Verlust man sich sorgt, ließe man zukünftig das Fleisch weg und diese Vegetarier an den Herd. Umso erfreulicher fand ich, dass die Tölzer Veganveranstaltung offenbar kaum Hürden dieser Art aus dem Weg schaffen musste.
Davon dass veganes Essen unschlagbar gut schmeckt und ein absoluter Genuss ist, muss mich niemand mehr überzeugen. Genau diese Pionierarbeit hatte und hat der „Tölzer Veg“ aber bei den ein oder anderen Besucherinnen und Besuchern womöglich noch zu leisten. Das Programm richtet sich hauptsächlich an Um- und Einsteiger*innen und soll an das Thema heranführen, ohne durch Hardliner-Anwandlungen grundsätzlich Interessierte abzuschrecken. Die Idee ist eine vierwöchige Challenge, die eigenen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten umzustellen und zu beobachten, was sich am körperlichen und seelischen Wohlbefinden verändert.


Beim Auftakt-Fest waren wir dabei und haben an kleinen Ständen von den verschiedensten Partnerinnen und Partnern des Events die feinsten Sachen probiert: Veganes „Mett“ (aus Reiswaffeln!) und Bärlauch-Pesto auf Bauernbrot, wunderbar würzige Quiche, veganen „Thunfisch“-Aufstrich auf Baguette und zum Abschluss eine unfassbar gute Schokoladentorte. Wie gesagt, dass alles Angebotene super gut schmeckte, hat mich nicht erschüttert – Fleischesser, die mit „vegetarisch“ ausschließlich Grünfutter und geschmacksneutralen Tofu verbinden, aber vielleicht schon. Und das ist der Impuls, den der „Tölzer Veg“ geben soll. Probiert und probiert aus. Dazu hat auch Sophia Hoffmann ermutigt, die an dem Abend zum Show-Kochen eigeladen war. Vegan kochen muss keine große Herausforderung und Schwierigkeit darstellen – es kann sogar vieles einfacher und praktikabler machen. Aus hartgewordenen Brotresten, die sie mit Wasser knetet und gut abschmeckt, machte Sophia zum Beispiel kleine Bratlinge. Durch das Gluten im Brot halten sie super zusammen, auch ohne Ei. Dazu gibt es verschiedenes fermentiertes Gemüse und einen Apfel-Sellerie-Salat mit Kürbiskernen. Alles davon ist regional, saisonal und einfach zuzubereiten. Ich muss hier keine Predigten an die Bekehrten halten – wer vegetarisch und vegan isst und gerne kocht und ausprobiert, hat all die Erfahrungen mit Sicherheit schon gemacht.



Auch wenn der „Tölzer Veg“ seinen Schwerpunkt primär auf den gesundheitlichen Aspekt legt und nicht auf den ethischen oder umweltpolitischen, der eine vegetarische und vegane Lebensweise motivieren kann, so bemüht man sich doch um Nachhaltigkeit bei der Veranstaltung, das war mir positiv aufgefallen: Bei den Probier-Ständchen gibt es kein Plastikbesteck oder anderes opulentes Einmal-Geschirr. Vieles kommt einfach auf die Hand, in einer Papierserviette, mit einem Bambusspießchen oder in eine kleine Palmblatt-Schale. Das hat mich sehr gefreut und das Event wirklich rund gemacht.

An der vierwöchigen Auszeit nehmen auch verschiedene Partnerbetriebe im Ort teil, darunter Cafés, Restaurants und der Biomarkt, die ihr Angebot entsprechend erweitern. Wir waren für eine Mittagessen zum Beispiel im Café im Süden in der Rathhausgasse und haben die vegane Gemüsesuppe probiert. Die Inhaberin des Cafés, Snezana Schreibauer, hat außerdem vegane Kuchen im Angebot und gibt während des „Tölzer Veg“ einen Backkurs.



Auch unsere Unterkunft, die Pension Sibylle, ist Partnerin und versorgte uns jeden Morgen mit einem traumhaften veganen Frühstücksangebot, das auch das restliche Jahr über auf Anfrage zu den Übernachtungen gebucht werden kann. Frisches Obst, Müsli, Reis- und Hafermilch, verschiedene Aufstriche – zum Teil von unserer Gastgeberin Frau Reinartz selbstgemacht, Tofu, Avocado, Körnerbrot (ebenfalls selbstgemacht) – … ganz wie daheim und besser. 💚




Wir sind nur fünf Tage zurück in Berlin und ich habe schon wieder große Tölz-Sehnsucht. Die Mischung aus idyllischer Naturumgebung, malerischer Altstadt, schönen Cafés und ländlicher Langsamkeit haben’s mir schon angetan. Wir waren noch nicht richtig in der BOB und auf dem Weg Richtung München, da hatten wir schon besprochen „Im Sommer kommen wir nochmal her, dann gehen wir auf den Blomberg, ins Stadtmuseum und ins Marionettentheater.“

Ist ein Plan, also bis bald, Bad Tölz. 💙

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Kleine Kräuterkunde

Bitte beachtet: Ich habe auf unserer Kräuterwanderung sehr gut aufgepasst und mitgeschrieben, alle Angaben dennoch ohne Gewähr. Informiert euch und recherchiert daher bitte gut, bevor ihr euch von der grünen Wiese eine Schüssel voll Salat holt. ✌️

Löwenzahn ist uns allen schon einmal begegnet, dass man die Blätter im Salat essen oder aus den offenen Blüten Sirup und Gelee herstellen kann, wissen dann aber doch nur wenige. Die Bitterstoffe im Löwenzahn sind sehr gesund, vor allem für den Magen-Darm-Trakt. 
Wer Blüten sammeln möchte, sollte nur komplett geöffnete nehmen – also am besten um die Mittagszeit sammeln, wenn die Sonne im Zenit steht. Nur dann sind die wertvollen Wirkstoffe oben in der Blüte und nicht wie bei geschlossener Blüte unten im Stil. Die gesammelten Blüten zuhause auf Küchenpapier legen und eine Weile warten, bis sich diverse Bewohner und andere Mitreisende aus dem Staub gemacht haben. Die Blüten dann in einen großen Topf geben, mit (einem hochwertigen) Apfeldirektsaft aufgießen, sodass die Blüten bedeckt sind, dann aufkochen, köcheln lassen, schließlich die Flüssigkeit abseihen und den Sud auf zwei kleinere Töpfe verteilen. In den einen kann Birkenzucker hinzugegeben und ein Sirup gekocht, in den anderen Apfelpektin gegeben und ein Gelee als Fruchtaufstrich hergestellt werden. 🌼

Der Spitzwegerich wird auch Heilwegerich genannt, denn der Pflanzensaft seiner Blätter wirkt wie ein antibakterielles, entzündungshemmendes „Naturpflaster“. Die Blätter leicht aufgedrückt, sodass der Saft austritt und auf eine Wunde – einen kleinen Riss z.B. – gegeben, klingen die Schmerzen zügig ab und die Wundheilung wird unterstützt.
 Aber nicht nur heilen kann der Spitzwegerich – seine dunkelgrauen Knospen sind auch eine (im wahrsten Sinne des Wortes) geschmackvolle Ergänzung für Salate. Das Aroma ist überraschend und erinnert ganz eindeutig an Champignons.

Wie der Name vermuten lässt, mag es die Bachkresse feucht um die Wurzeln. Man findet sie also in Wassernähe – wir haben sie an einer kleinen Quelle entdeckt. Ihre gegenständlichen Blätter werden von einem Endblatt abgeschlossen und sind recht einfach zu erkennen. Auch der Geschmack steckt schon im Namen – die Bachkresse schmeckt scharf und würzig, wirkt außerdem leicht entwässernd und stärkt das Immunsystem.

Mein liebster Fund auf unserer Kräuterwanderung, nicht nur wegen des Namen – Pimpinelle (oder kleiner Wiesenkopf). Auch ihr Erscheinungsbild und Geschmack ist ein wenig ungewöhnlich, auf jeden Fall hübsch und unschlagbar, denn die Pimpinelle-Blätter haben ein so starkes Gurkenaroma, dass selbst ein Gartensalat ohne Gurke nach Gurke schmecken würde. Die Blätter kann man also in den Salat und grünen Smoothie geben oder einen Kräuterquark damit verfeinern.

Dieses Kraut wird auch „Soldatenpetersilie“ genannt und ist gut an den kleinen violetten Blüten zu erkennen. Es passt (genau wie die herkömmliche Petersilie) prima zu Kartoffelgerichten oder in Kräuterquark und -butter und in den Salat. Der Geschmack ist würzig und dominant, daher sollten die Blätter und Blüten wohldosiert verwendet werden.

Leicht erkennbar an seinem, wie es sich anfühlt, dreikantigen Stengel, ist Giersch ein beliebtes Gartenkraut. In der Kräuterbutter macht Giersch sich besonders gut, aber auch in ein Getränk lässt er sich verarbeiten. Ein Sträußchen aus Giersch, Zitronenmelisse, Minze, Holunderblütendolden, wahlweise etwas Rosmarin und Thymian wird „kopfüber“ in einen Krug mit (hochwertigem) Apfeldirektsaft und einer Spirale Bio-Zitronenschale gehängt. Das Ganze kaltgestellt hat man nach 24h ein Konzentrat, das mit Mineralwasser gemischt (Verhältnis 1:3 oder 1:1, je nach Geschmack) ein bisschen wie Almdudler schmeckt, nur eben aus dem Garten, ohne Zucker und selbstgemacht.

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